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Wie China in Afrika Schweizer Schoko-Hersteller umgehen will

Die Veredelung von Kakao kann den westafrikanischen Kakaoproduzenten mehr Einnahmen bringen. Keystone / Legnan Koula

Um ein grösseres Stück vom Schokoladenkuchen zu ergattern, wenden sich die kakaoproduzierenden Länder Elfenbeinküste und Ghana für die Finanzierung und einen neuen Markt an China. Der Schritt könnte Rohstoffversorgung und Gewinnmargen der Schweizer Schokoladeindustrie bedrohen.

Dieser Inhalt wurde am 18. August 2021 - 11:15 publiziert

Trotz der Covid-19-Pandemie versammelten sich im September letzten Jahres maskentragende Prominente in westlichen Anzügen und in traditionellen ivorischen Gewändern auf einem Industriegelände am Rande Abidjans.

Der Präsident der Elfenbeinküste, Alassane Ouattara, legte bei dem Anlass den Grundstein für eine Fabrik, die pro Jahr 50'000 Tonnen Kakaobohnen verarbeiten können soll. In einer offiziellen Pressemitteilung hiess es, die Fabrik markiere ein "neues Kapitel" in der Kakaogeschichte des westafrikanischen Landes.

Anstatt die rohen Kakaobohnen an ausländische Rohstoff- und Verarbeitungsfirmen – wie das Schweizer Unternehmen Barry Callebaut – zu verkaufen, wird die neue Fabrik der Elfenbeinküste ermöglichen, mehr Geld zu verdienen mit der Verarbeitung der Bohnen vor Ort und dem Verkauf von "Mehrwert-Kakao". Bis 2025 zielt das Land darauf ab, alle seine rohen Kakaobohnen im Inland zu verarbeiten; derzeit liegt dieser Anteil bei etwa 35%.

Grundsteinlegung für eine Verarbeitungsanlage in Anyama bei Abidjan, der grössten Stadt von Côte d'Ivoire. President's office

Chinesische Investition

Zum ivorischen Kakaoverarbeitungs-Projekt gehört eine weitere Fabrik von ähnlicher Grösse und Kapazität in der Hafenstadt San Pedro westlich von Abidjan. Die Investition wird mit einem chinesischen Darlehen in Höhe von 126 Milliarden CFA-Francs (389 Millionen US-Dollar) finanziert.

Teil des Vertrags sind auch zwei Lagerhäuser mit einer Kapazität von insgesamt 300'000 Tonnen. Darin sollen Kakaobohnen gelagert werden, um sie zu einem optimalen Preis verkaufen zu können, wenn die Nachfrage hoch ist.

Die Elfenbeinküste ist nicht das einzige Land, das sich um chinesische Unterstützung bemüht, um seine Kakaoeinnahmen zu steigern. Im September 2019 hatte das Nachbarland Ghana mit dem staatlichen chinesischen Konzern China General Technology Group (Genertec) eine Absichtserklärung zum Bau einer Kakaoverarbeitungs-Fabrik in Sefwi Wiawso im Westen des Landes unterzeichnet.

Die Anlage soll von der nationalen Kakaobehörde Ghanas (Cocobod) und Genertec im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft betrieben werden. Die Fabrik wird voraussichtlich rund 100 Millionen US-Dollar kosten und soll Ghanas Anteil an verarbeitetem Kakao von 15 auf 25% steigern.

Feierliche Unterzeichnung der Absichtserklärung für eine neue Kakaoverarbeitungs-Anlage in Ghana im Jahr 2019. Cocobod

Neue Strategie

Die Hinwendung zu Investitionen aus China und die Abkehr von der Belieferung westlicher Abnehmer wie Barry Callebaut, Olam und Cargill mit unverarbeitetem Kakao ist ein strategischer Schritt. Die Covid-19-Pandemie liess die Nachfrage auf den wichtigsten Schokolademärkten in Europa und den USA sinken.

Eine im letzten Jahr eingeführte Zusatzabgabe in Höhe von 400 US-Dollar per Tonne Kakao, die den Bauern zugutekommen und helfen sollte, ihnen einen besseren Lohn zu sichern, kam daher zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt: Die Elfenbeinküste musste ihren Käufern Rabatte anbieten, um die vorhandenen Warenbestände abzusetzen, womit die Gewinne aus der Zusatzabgabe effektiv zunichte gemacht wurden. Es wird erwartet, dass die Kakaoproduktion in Westafrika in den kommenden Monaten aufgrund des guten Wetters steigt, was die Preise weiter drücken wird.

"Die Kakaoproduktion in Côte d’Ivoire und Ghana dürfte voraussichtlich ein noch nie gesehenes Ausmass erreichen", warnte die Internationale Kakao-Organisation in ihrem jüngsten Monatsbericht. Ähnliche Bedingungen – ein Überschuss aufgrund des guten Wetters in Kombination mit einer lauen Nachfrage – hatten in der Saison 2016-2017 zu den niedrigsten Preisen in einem Jahrzehnt geführt.

Es ist klar, dass die Elfenbeinküste und Ghana angesichts des Überangebots und der verhaltenen weltweiten Nachfrage eingreifen müssen, um angemessene Preise für ihren Kakao zu erzielen. Beide Länder setzen darauf, halbfertige Kakaoprodukte anzubieten. Diese erzielen deutlich höhere Preise als unverarbeitete Bohnen. Somit könnten die Exporteinnahmen verdoppelt werden.

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Westafrika hat auch grosses Interesse, verarbeiteten Kakao auf dem chinesischen Markt zu verkaufen. Es scheint, dass dieses Interesse gegenseitig ist. Im Rahmen des Kakao-Deals erhält China bevorzugten Zugang zum "braunen Gold" der Elfenbeinküste: 40% der Produktion der beiden Kakao-Verarbeitungsanlagen sind chinesischen Unternehmen vorbehalten. Der ivorische Kakao-Rat wird zudem in China ein Marketingbüro eröffnen, um seine Angebote dort zu fördern.

Obwohl der Pro-Kopf-Konsum von Schokolade in China bisher gering ist (unter 100 Gramm pro Jahr) sind die dortigen Umsätze für Schweizer Unternehmen gestiegen. Die Verkaufsmengen von Barry Callebaut für den asiatisch-pazifischen Raum (einschliesslich China) stiegen 2019/2020 um 7,4% – bei einem weltweiten Rückgang um 2%. Und Lindt & Sprüngli verzeichnete in China 2020 ein organisches Umsatzwachstum von 10,1%, verglichen mit einem Gesamtrückgang von 6,1%.

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Der Preis

Wie die meisten globalen Akteure nutzt China Kredite und Infrastrukturprojekte, um sich Einfluss und Zugang zu neuen Märkten zu verschaffen. In der Vergangenheit hatte das Land Kakao auch schon als Sicherheit für Infrastrukturprojekte genutzt, um Rückzahlungen zu garantieren.

Es ist wahrscheinlich, dass sein Anteil von 40'000 Tonnen Kakao pro Jahr aus den neuen Verarbeitungsfabriken in der Elfenbeinküste als Sicherheit für das Darlehen eingefordert werden könnte. China hatte von Ghana eine ähnliche Menge Kakao als Sicherheit für ein Darlehen für den Bau des Bui-Staudamms von 2006 bis 2013 beansprucht.

Kredite von China sind normalerweise auch an die Nutzung von chinesischen Gütern und Dienstleistungen gebunden. So soll zum Beispiel der Auftrag für sämtliche Bauarbeiten bei den Verarbeitungsanlagen und Lagerhäusern an die China Light Industry Design Engineering Company gehen (ein Tochterunternehmen des Konzerns China Haisum Engineering).

Gemäss einem Bericht der französischen Publikation Africa Intelligence beklagte sich der Kaffee- und Kakaorat (Conseil du Café-Cacao, CCC) der Elfenbeinküste über den Vertrag mit China und erklärte, er habe keinen Zugang zur Baustelle. Der Rat möchte, dass auch lokale Firmen an den Bauarbeiten beteiligt werden. Berichten zufolge hat er Präsident Ouattara gebeten, zu intervenieren.

Konkurrenz und weniger Rohstoffe für die Schweiz

Wenn die neue Strategie Ghanas und der Elfenbeinküste zur Produktion von verarbeitetem Kakao erfolgreich ist, werden sie direkt mit Schweizer Rohstofffirmen und Verarbeitern wie Barry Callebaut in Konkurrenz treten, vor allem in China. Das Unternehmen investiert seit über einem Jahrzehnt kontinuierlich in China, mit Hilfe von Marketing auch in die Schaffung einer Schokoladekultur.

Barry Callebaut verfügt über eine lokale Fabrik und ein Verkaufsbüro in Suzhou sowie über drei Verkaufsbüros und Schokolade-Akademie-Zentren (in denen schon mehr als 5000 chinesische Handwerker in der Zubereitung von Schokolade ausgebildet wurden) in Shanghai, Beijing und Shenzhen. Auf Anfrage von SWI swissinfo.ch wollte sich das Unternehmen nicht dazu äussern, was die neue Strategie der beiden westafrikanischen Staaten für seinen Gewinn bedeuten könnte.

Die Bemühungen Ghanas und der Elfenbeinküste, mehr Kakao lokal zu verarbeiten, könnte auch die Beschaffung von rohen Kakaobohnen durch ausländische Unternehmen erschweren. Und sich damit auf die Schweizer Lieferketten und Gewinnmargen auswirken.

Mit weniger Rohmaterial aus Westafrika könnten Schokoladehersteller wie Nestlé und Lindt sich mit höheren Preisen konfrontiert sehen, zum Beispiel für Kakaobutter. Sie würden die zusätzlichen Kosten wahrscheinlich auf Konsumentinnen und Konsumenten abwälzen. Nestlé bezieht zurzeit 46% seines Rohkakaos aus Ghana und der Elfenbeinküste, während Ghana für Lindt & Sprüngli das "wichtigste Herkunftsland für Kakaobohnen" ist.

Neue Möglichkeiten

Die Bemühungen Ghanas und der Elfenbeinküste zur Steigerung der Wertschöpfung ihres Kakaos bieten aber auch Geschäftsmöglichkeiten für Schweizer Firmen. So unterzeichnete der Schweizer Technologiekonzern Bühler, der unter anderem Lebensmittel-Verarbeitungsmaschinen herstellt, im Juni eine Vereinbarung mit der Kakaobehörde Ghanas, um Schulungen, Produktentwicklung und Technologieberatung anzubieten. Auf Anfrage von SWI swissinfo.ch wollte Bühler keine Angaben zum Wert der Partnerschaft machen.

Joseph Boahan Aidoo, Direktor der Kakaobehörde Ghanas, hatte bei der Unterzeichnungszeremonie mit Bühler am 22. Juni gesagt, das Engagement des Schweizer Unternehmens sei Teil des "Übergangs von der traditionellen zu einer modernen Methode der Kakaoproduktion" seines Landes.

Aidoo warb auch für bilaterale Unterstützung durch die Schweiz, als die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga im Juli zu einem offiziellen Besuch in Ghana weilte. Er ermunterte die Schweiz dazu, sich ein Beispiel an China zu nehmen und ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Ghana mit Partnerschaften zu stärken, welche die Produktion von veredeltem oder halb-veredeltem Kakao für den internationalen Markt ermöglichen würden.

(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

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