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Wer ist schuld am Wetter? Wie sich der Umgang mit Katastrophen geändert hat

Früher war der Himmel voller Zeichen Gottes, heute ist es etwas komplizierter. (Flugblatt, Basel, 1566) Zentralbibliothek Zürich

Der Umgang mit Naturkatastrophen hat den Schweizer Staat im 19. Jahrhundert gefestigt. Man sah Unwetter und Bergstürze nicht mehr als Zeichen eines strafenden Gottes, sondern als Probleme, denen man gemeinsam begegnen sollte. Die Frage nach Schuld und Verantwortung wurde tabuisiert für das vermeintliche Wohl aller – eine Haltung, die bis heute Debatten prägt.

Dieser Inhalt wurde am 02. August 2021 - 09:15 publiziert
David Eugster

Das Wetter – lange Zeit das unverfängliche Small-Talk-Thema – ist längst auch politisch geworden. Denn in Zeiten des Klimawandels lassen sich menschliches Handeln und Unwetter und natürliche Katastrophen nicht mehr strikt auseinanderhalten. Wir beeinflussen das Wetter mit unserem Lebensstil. So sehen einige wie z.B. der Metereologe Jörg Kachelmann in den Unwettern der letzten Wochen, erst den "Anfang des Elends".

Andere finden das übertrieben und sprechen von "Klimahysterie" oder mahnen zu mehr Gelassenheit. Darunter Franz Steinegger, der ehemalige Präsident der FDP Schweiz, der viel Erfahrung als Krisenmanager im Kanton Uri hat, und der deswegen den Spitznamen "Katastrophen-Franz" trägt. Danach gefragt, ob Menschen in der Stadt anders als die Landbevölkerung auf Umweltkatastrophen reagieren, meinte er in einem Interview mit dem "Tages-Anzeiger":

"Auf dem Land reagiert man gelassener. Die Leute auf dem Land haben so etwas alle schon mal erlebt. Und man ist eher bereit, ein solches Ereignis als vom Herrgott gegeben anzunehmen."

Katastrophen als Gottes Rutenschläge

Was wie eine jahrhundertealte Weisheit aus einer kühlen Andachts-Kapelle in den Alpen wirkt, ist letztlich eine recht junge Ansicht. Katastrophen waren bis vor wenigen hundert Jahren nichts, was man einfach "gelassen" hinnehmen konnte: So wie Eltern ihre Kinder mit der Rute erzogen, wies Gott Menschen mit "erschrecklichen Wunderzeichen" den Weg – Katastrophen wie die biblischen sieben Plagen und die Sintflut waren Botschaften.

Der Chronist Johannes Stumpf sah in der verheerenden Tessiner Flutwelle von 1515 einen Aufruf Gottes zur "enderung unsers sündlichen läbens." lanostoria.ch

Während die Landbevölkerung sicherheitshalber Butter und Milch aufs Fensterbrett stellte, um Gott zu besänftigen, grübelten Theologen darüber nach, wie sie mit den "Tatpredigten" Gottes umgehen sollen. Denn sie steckten in der Klemme: Nicht jeder, der zum Beispiel beim grossen Erdbeben von Lissabon 1755 starb, war ein Sünder, darunter waren auch Kinder und gottesfürchtige Menschen.

Eine Antwort war: Gott straft eben auch die, die den Sündern keinen Einhalt geboten haben. Der Schweizer Umwelthistoriker Christian Pfister schreibt dazu: "Die Gemeinde haftete kollektiv für die Sünden ihrer Angehörigen. Das machte es einfach, die Schuld von allfällig Mitverantwortlichen abzulenken und auf alle zu verteilen." Damit wurde die Schuld in gewissem Sinne auch diffuser, weniger drückend.

Wachsen an der Katastrophe

Es war eine der grossen Errungenschaften, unerklärliche Naturkatastrophen nicht mehr als Vergeltung für die Sünden einzelner zu sehen – denn wo das nicht gelang, endete es damit, dass man auf Dürresommer mit der Verbrennung von angeblich zaubernden Frauen reagierte. Erst durch die Umverteilung der Schuld liessen sich Katastrophen zu Ereignissen umdeuten, an denen das Kollektiv zusammenwachsen konnte.

Denn selten ist das Zusammengehörigkeitsgefühl so gross wie nach schrecklichen Ereignissen wie Kriegen und Katastrophen, die man äusseren Kräften zuweisen kann. Dessen sind sich Politikerinnen und Politiker auch heute noch bewusst: Ein falscher Gesichtsausdruck im Katastrophengebiet und die Karriere gerät arg ins Wanken.

Bergstürze, Unwetter und Überschwemmungen waren gerade auf Grund ihrer Bündelungskraft auch für den Aufstieg der Schweiz als Nation bedeutend. Als 1806 der Bergsturz von Arth-Goldau über 400 Menschen tötete und ein ganzes Dorf verwüstete, wurde erstmals die Katastrophenhilfe als verbindendes Element für die Nation proklamiert.

Die Schweiz wurde durch Überschwemmungen, Stadtbrände, Lawinen und Bergstürze zusammengeschweisst:

Andreas Merian, der von Napoleon eingesetzte Schwyzer Landammann, sah in der gegenseitigen Hilfe eine gemeinsame Kraft: "Jeder Schweizer wird durch seine Spende zum Beförderer des gemeinen Wohls, die Theilname an demselben, so wie hernach die Dankbarkeit der Getrösteten zum National-Gefühl, und die Eidgenössische Eintracht, die ächte Bruderliebe."

Merian versuchte, das Gefühl religiöser Schuld in republikanische Solidarität zu verwandeln. Mit Erfolg: Aus allen Kantonen erreichten Spenden und Mitleidsbekundungen Arth-Goldau – zum ersten Mal in der Geschichte, in der es zu vereinzeltem Beistehen gekommen war, nie aber zu einer konzertierten Hilfe von allen für einen Kanton.

Nationale Denkmäler des Hochwasserschutzes

Mit dem Verkauf von Bildern der Zerstörung wollte die Schwyzer Regierung Spenden Sammeln und Aufmerksamkeit für die Opfer erreichen. David Alois Schmid, 1806 Schweizer Landesbibliothek

Die Katastrophen halfen dem Schweizer Staat, seine Rolle zu finden: Im 19. Jahrhundert ging die Katastrophenhilfe zunehmend von privaten Trägerschaften, die Spenden organisierten, in die Hände des Bundes über. 1834, als die Eidgenossenschaft schwer gespalten war, verwüsteten Überschwemmungen weite Teile der Schweiz. Nun koordinierte die Tagsatzung, das zentrale Organ der Eidgenossenschaft, die (private) Sammlung der Spenden. Sie trat in Verhandlungen mit den Kantonen, welcher Einsatz der Gelder am meisten Sinn machen würde.

Das ging über Nächstenliebe hinaus, folgte vielmehr bereits der Staatsraison: Obschon aus Mitleid für Einzelne gespendet wurde, verwendete man z.B. im Kanton Graubünden nach 1834 das Geld primär für den Hochwasserschutz, der zukünftige Katastrophen verhindern sollte. Das Geld floss so primär an lokale  Bauunternehmer, während Direktbetroffene wenig Hilfe erhielten und oft trotz der Spenden in tiefe Armut fielen. Man betrieb also Entwicklungshilfe in den betroffenen Gebieten, weniger Direkthilfe.

Der Herbst 1868 war einer der regenreichsten und katastrophalsten der Schweizer Geschichte. Und er war wichtig für die politische Entwicklung der Schweiz:

Die Flussbegradigungen und Dämme, die man nach 1834 gebaut hatte, sah man durchaus auch als Monumente nationaler Einigkeit. So bemerkte der Bundesrat 1869 zum Kanton Wallis, der sich nicht vom Infrastrukturprogramm überzeugen liess und die Spenden 1834 an Einzelpersonen verteilt hatte, dort sei die nationale "Liebestätigkeit in keinem Baudenkmal verkörpert, welches das Land vor ähnlichen Katastrophen zu bewahren vermocht hätte."

1868 suchte eine weitere Katastrophe die Schweiz heim. Starke Regenfälle führten zu 51 Todesopfern und riesigen Schäden. War der Hochwasserschutz noch 1834  noch in kantonaler Hand, nahm nun der Bundesrat als Regierung das Heft in die Hand. Auch die nationale Spendensammlung wurde staatlich geführt. Es kamen 3,6 Millionen Franken und mehr als drei Tonnen Lebensmittel zusammen. Das Motto "Einer für alle, alle für einen" wurde zum inoffiziellen Landesmotto. Dazu kam: Gesetzliche Vorgaben zur Katastrophenvorsorge wurden getroffen, die bis heute wichtig sind.

Tabuisierung der Ursachensuche

Nur durch eine Kultur der gemeinsamen Betroffenheit konnten die unerklärlichen Zeichen Gottes in etwas gemeinsam Tragbares umgedeutet werden. Zugleich ging man damit aber auch einen Pakt ein, weniger von den Ursachen, sondern vor allem noch über die Hilfe, Infrastrukturen und Krisenmanagement zu sprechen.

Ein krasses Beispiel dafür ist der Erdrutsch in Elm von 1881:  In den Glarner Alpen findet sich wertvoller Schieferstein, in Elm wurde dieser seit 1868 kommerziell abgebaut. Doch die verantwortlichen Gemeindepolitiker waren eher unerfahren – der Umgang beim Abbau geschah deswegen fahrlässig. Tragende Elemente wurden herausgesprengt, Veränderungen des Bergs wurden ignoriert, Warner verlachte man als Angsthasen – zu viele Arbeitsplätze und zu viel Geld hingen vom abgebauten Schiefer ab. Auch als grosse Teile der Alp oberhalb des Bruchs einstürzten und Wasser einschwemmte, blieb man untätig. Am Ende tötete der Schiefer 141 Menschen.

Doch am Ende wurde keiner der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Ein Grund dafür, dass das nicht geschah, war, dass die Presse die für die Bewohner von Elm äusserst notwendige Spendensammlung nicht durch böses Blut gefährden wollte, man bat, angesichts der Tragödie "kleinliche Nörgeleien" zu lassen. Die Elmer mussten gesamthaft als Unschuldige dastehen, überwältigt von "blinden Naturkräften", als Bergler, die im Kampf gegen eine unerbittliche Natur für einmal unterlegen waren.

Dass das möglich war, lag in der fundamental veränderten Sicht auf Naturkatastrophen: Sie waren nicht mehr Zeichen an die Sünder, sondern etwas, dessen Ursachen es nicht zu hinterfragen galt, es galt den Gang der Dinge einfach nur zu akzeptieren – Gottes Wege sind unergründlich. Diese Haltung liess den Geologieprofessor Albert Heim, der ein Gutachten zum Bergsturz schreiben musste, fassungslos zurück:

"Man wehrt sich gegen die Angst und redet sie sich aus. Die Ängstlichen werden verspottet. Man zwingt sich die Einsicht in die Bedeutung der Vorzeichen weg und wiegt sich in eine Verneinung der Gefahr ein. Die stumpfsinnige Einstellung sickert durch die ganz Bevölkerung. Die Fanatiker dieser "Vogel-Strauss-Taktik" erlauben sich die grössten Verstellungen an der Wahrheit. Sie können darauf rechnen, dass man das Angenehmere viel eher glaubt als das Gefürchtete."

Literatur: Christian Pfister (Hrsg.): Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500 - 2000. Bern 2002.

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