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Was sich die Schweiz von der Expo in Dubai verspricht

Der Schweizer Pavillon an der Expo Dubai 2020 soll den Besuchenden ein sinnliches Erlebnis bieten. Keystone

Man habe, wenn nicht zu einer Veränderung, dann doch immerhin zu Verbesserungen beitragen können, sagt der Schweizer Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain, Massimo Baggi, über die Beteiligung an der Expo in Dubai. Und er schwärmt vom Schweizer Pavillon, der die Besucherinnen und Besucher mitten in den Nebel schickt – und daraus aufsteigen lässt.

Dieser Inhalt wurde am 30. September 2021 - 11:50 publiziert
Michele Novaga

Die Durchführung wurde wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben. Doch bei der Expo Dubai 2020Externer Link, die vom kommenden 1. Oktober bis zum 31. März 2022 dauert und 25 Millionen Besuchende anziehen soll, wird die Schweiz nach wie vor eine führende Rolle spielen.

Mit "Reflections"Externer Link, einem in allen Teilen nachhaltigen und wiederverwendbaren Pavillon, der von OOS Zürich in Zusammenarbeit mit Bellprat Partner und Lorenzo Eugster entworfen wurde, setzt die Eidgenossenschaft auf Kultur, natürliche Schönheit und technologische Innovation.

Massimo Baggi, Schweizer Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain, erklärt, wie die Schweiz an der Weltausstellung teilnimmt und welche Rolle sie in den Golfstaaten spielt.

SWI swissinfo.ch: Die Präsenz der Schweiz an der Expo Dubai 2020 erschöpft sich nicht im Pavillon. Was hat das Land hinter den Kulissen beigetragen?

Massimo Baggi: Unsere Präsenz basiert tatsächlich nicht nur auf dem Schweizer Pavillon "Reflections". Wir haben eine doppelte Aufgabe, nämlich den Vorsitz im Koordinierungsausschuss aller teilnehmenden Länder. Vor etwa einem Jahr hat das Bureau International des Expositions den Ausschuss gegründet und die Schweiz gebeten, diese Rolle zu übernehmen.

Sie waren während aller Phasen der Expo 2015 als Schweizer Generalkonsul in Mailand dabei: Ist das dort erworbene Know-how nützlich?

Meine Arbeit während der Expo Milano 2015 hat mir sicherlich geholfen. Es stimmt, dass der Kontext ein anderer ist und es sich um ein anderes Projekt handelt. Aber wenn ich es mit Mailand vergleiche, gibt es viele Ähnlichkeiten und einige gemeinsame Mechanismen in der Art und Weise, wie die grossen Weltausstellungen durchgeführt werden.

Die Schweiz war, ebenso wie bei der Expo Milano 2015, das erste Land, das sich an der Ausstellung in Dubai beteiligte. Wie erklärt sich diese vorauseilende Bereitschaft der Eidgenossenschaft, mitzumachen?

Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens glauben wir sehr an diese Art von Veranstaltungen, an denen Regierungen, Nichtregierungs-Organisationen und Privatpersonen teilnehmen. Daran, dass sie eine Plattform bieten, auf der wir grosse globale Herausforderungen diskutieren und gemeinsam angehen können.

In Mailand konnten wir zum Beispiel über wichtige Themen wie Lebensmittel-Sicherheit und Abfall diskutieren. Dubai befindet sich an einem strategischen Punkt im Nahen Osten mit besonderen Herausforderungen, und unser Ziel ist es auch, unseren Pavillon zu einem Treffpunkt für Besuchende aus allen Nachbarländern zu machen.

Der zweite Grund ist, dass die Emirate ein wichtiger Partner sind, nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht.

Die Tatsache, dass die Schweiz als erstes Land ihre Teilnahme bestätigt hat, hat auch eine Reihe sehr praktischer Vorteile, wie die Möglichkeit, den Standort des Pavillons zu wählen.

Zur Ausstellung werden etwa 25 Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet, von denen 30% aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und die restlichen 70% aus dem Ausland kommen sollen. Wie soll das in der aktuellen Situation gehen, so viele Leute anzuziehen?

Als Vorsitzende des Koordinierungsausschusses arbeiten wir daran, das Land zugänglich zu machen, so dass sich die Menschen ohne allzu grosse Komplikationen bewegen können, wobei die pandemiebedingten Einschränkungen zu beachten sind.

Dann arbeiten wir daran, die Ausstellung attraktiv zu gestalten. Und ich muss sagen, dass unser Pavillon möglicherweise einer der interessantesten ist, mit einer guten Mischung aus Tradition, Innovation, sinnlichen Erfahrungen und Benutzerfreundlichkeit.

"Reflections" – der Name des Pavillons hat einen Doppelsinn. Was zeichnet ihn aus?

Es handelt sich um einen vierstöckigen Pavillon mit einer imposanten Spiegelfassade, in der sich ein roter Teppich mit dem Schweizerkreuz spiegelt, von dem wir hoffen, dass er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.

Schon beim Eintreten wird man in ein sinnliches Erlebnis versetzt: Ein Spaziergang auf einem Weg in den Schweizer Bergen durch ein dichtes Nebelmeer, das die Besucherinnen und Besucher zunächst die Orientierung verlieren lässt, um kurz darauf wieder in der idyllischen Landschaft unserer Berge aufzutauchen. Danach werden Schweizer Vorschläge, Lösungen und Innovationen in verschiedenen Bereichen vorgestellt.

Schliesslich haben wir einen Freizeit- und Kulturteil geplant, der auch die Gastronomie mit einem Dachrestaurant einschliesst, was in dieser Ausstellung eher selten ist.

Ist alles bereit, oder wird alles, wie bei anderen Expos früher schon, erst kurz vor Start fertig werden?

Alles ist bereit, auch weil die Expo um ein Jahr verschoben wurde. Wir führen derzeit die letzten Tests durch, und am 1. Oktober wird alles fertig sein.

Paradoxerweise hatten wir auch zu viel Zeit. Viele Pavillons mussten quasi schliessen, weil sie zu früh dran waren, anders als in Mailand. Diese Situation brachte auch einige Schwierigkeiten mit sich, da die Schliessung eines Pavillons mitten in der Wüste auch mit Kosten verbunden ist.

Die Pavillon-Finanzierung, besonders über Sponsoren, hat der Schweiz schon oft Kritik eingebracht. Welche Investitionen wurden nun getätigt, und wer sind die wichtigsten Sponsoren?

Das Budget beträgt 16,5 Millionen Franken, die je zur Hälfte vom Bund und von privaten Partnern wie Rolex, Schweiz Tourismus, Clariant, KGS Diamond Group, Novartis, Nestlé und Roche sowie von institutionellen Partnern wie der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation finanziert werden.

Während der sechsmonatigen Expo werden wir elf Themenwochen haben, in denen jeder Pavillon versuchen wird, einen Beitrag in verschiedenen Bereichen zu leisten, z.B. zum Thema Umwelt.

Dank der Partner werden wir uns auch an der Organisation verschiedener Veranstaltungen beteiligen. So wird beispielsweise der ganze Monat März dem Thema Wasser gewidmet sein.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind der wichtigste Handelspartner der Schweiz im Nahen Osten. Wie sind – Stand heute - die bilateralen Beziehungen zwischen den politisch und kulturell sehr unterschiedlichen Ländern?

Der 1964 geborene Massimo Baggi ist seit 2019 Botschafter der Schweiz in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. DFAE

Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten erstrecken sich auf viele verschiedene Bereiche, und wir hoffen, dass die Expo sie noch weiter vertiefen wird. Die Emirate sind unser wichtigster Handelspartner in der Region.

Es ist erwähnenswert, dass eine Diaspora von mehr als 3000 Schweizerinnen und Schweizern, meist Geschäftsleute mit ihren Familien, vor allem in Dubai lebt. Und 100'000 Schweizerinnen und Schweizer besuchen die Emirate jedes Jahr zu touristischen oder geschäftlichen Zwecken.

In der Region sind 200 Schweizer Unternehmen tätig. Dies ist einer der Gründe, warum es im Generalkonsulat in Dubai einen Swiss Business Hub gibt, der kleine und mittlere Schweizer Unternehmen fördert.

Andererseits besuchen jedes Jahr 140'000 Staatsbürgerinnen und Staatsbürger der Emirate die Schweiz, aus touristischen Gründen oder auch um in Immobilien zu investieren. Und wir haben eine wichtige Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich dank der Präsenz von Schweizer Universitäten, wie z.B. der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne.

Auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit haben wir Dialoge mit einer Reihe von institutionellen Akteuren etabliert.

Die Schweiz importiert aus den Emiraten Edelsteine, Präzisionsinstrumente und Gold und exportiert Uhren, weitere Luxusgüter und Medikamente – wie sieht heute die Handelsbilanz aus?

Im Jahr 2019 exportierte die Schweiz Güter im Umfang von 3,7 Milliarden Franken und importierte Güter für 14,9 Milliarden Franken.

Was sind die Prioritäten der Schweiz in den Golfstaaten?

Die Schweiz verfügt über eine vom Bundesrat genehmigte Strategie für alle MENA-Länder (Naher Osten und Nordafrika), in der die Achsen Frieden, Sicherheit sowie Menschenrechte erwähnt werden.

Ein wichtiges Thema, man denke nur an die offenen Konflikte respektive komplexen Situationen wie in Jemen, Syrien oder Libyen. Ausserdem gibt es in Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft und nachhaltige Entwicklung eine Zusammenarbeit mit diesen Ländern.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt erklärtermassen auf den Menschenrechten und der Zusammenarbeit: Was unternimmt die Schweiz in diesen Bereichen?

Zunächst einmal sind die Menschenrechte Teil des regelmässigen politischen Dialogs, den wir mit allen Ländern der Golfregion führen. Die Schweiz widmet Themen wie Meinungsfreiheit, Todesstrafe, Folter und Minderheitenrechten besondere Aufmerksamkeit.

Dann gibt es Bereiche, in denen wir auch sehr konkret arbeiten. So diskutieren wir beispielsweise mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain, wo ich Botschafter bin, über Gleichstellungsfragen. Im Rahmen der Expo arbeiten wir mit dem Frauenpavillon zusammen und werden auch gemeinsame Veranstaltungen organisieren.

Wir arbeiten auch an Fragen der Toleranz und des interreligiösen Dialogs mit einigen Gruppen in den Emiraten. Wir konnten diese nicht zuletzt dank unserer Rolle bei der Organisation der Expo in die Veranstaltung einbeziehen.

Auch in anderen Bereichen wie der Entwicklungszusammenarbeit und besonders dem Thema Wasser sind wir in Zusammenarbeit mit der Schweizer Entwicklungshilfe tätig.

Was ist mit Wanderarbeitern? Laut einem Bericht von Amnesty International aus den Jahren 2019 und 2020 macht gerade das System der Arbeit mit Sponsoren an der Expo diese anfällig für Ausbeutung und Missbrauch.

Dies ist ein wichtiges Thema für alle Golfstaaten, speziell wenn Grossveranstaltungen wie die Expo stattfinden. Gemeinsam mit anderen Ländern haben wir versucht, die Standards zu verbessern, und es ist uns in einigen Fällen gelungen, die Sicherheitsbedingungen und Rechte zu verbessern.

Inwieweit ist die nicht lückenlose Achtung der Menschenrechte in den Emiraten mit der Fortführung der Handelbeziehung vereinbar?

Wir setzen auf den Dialog und darauf, in unseren Beziehungen zu den Ländern, einschliesslich der Handelsbeziehungen, auf eine Stärkung der Menschenrechte hinzuwirken.

Wir verfolgen dabei einen pragmatischen Ansatz; wir gehen von der Realität vor Ort aus und versuchen, mit den Institutionen zusammenzuarbeiten. In einigen Bereichen ist es uns meines Erachtens gelungen, wenn schon nicht eine Veränderung, so doch zumindest ganz wesentliche Verbesserungen herbeizuführen.

Ich glaube auch, dass die Emirate ein internationales Image bieten wollen, das es ihnen ermöglicht, über ihre Grenzen hinauszuwachsen und sich zu entwickeln. Menschenrechts- und Umweltfragen gehören zu den Themen, die man parallel verfolgen muss, um auf der internationalen Bühne etwas zu bewirken.

(Übertragung aus dem Italienischen: Marc Leutenegger)

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