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Griechisch und Latein – sind die alten Sprachen rassistisch?

Traditionen, die dem digitalen Zeitalter trotzen: Das Studium der Antike mit dem klassischen Sprachen Altgriechisch und Latein bleibt aber grösstenteils ein Vorrecht der Wohlhabenden. Keystone / Jim Hollander

Und Tschüss: Die amerikanische Elite-Universität Princeton hat für ihre Studierenden das Beherrschen von Altgriechisch und Latein als Ticket für einen Studienplatz an der Top-Uni aufgehoben. Diese Hürde sei sowieso rassistisch gewesen, sagten viele im Internet. Der Entscheid sei ein Fehler, sagt eine Sprachexpertin.

Dieser Inhalt wurde am 28. August 2021 - 09:00 publiziert

Die Begründung der Universität für ihren Schritt stellt klar: Nicht das Studium der beiden Sprachen wird an Princeton abgeschafft, sondern die Bedingung, dass ihr Beherrschen das Eintrittsticket in die heiligen Hörsäle der Top-Universität ist.

Der Grund für das Niederreissen der Hürde ist scheinbar ein einfacher: In den USA sind es meist Schülerinnen und Schüler von Eliteschulen, welche die beiden alten Sprachen lernen. Und diese Absolvierenden sind, wie auch die Lehrpersonen, überwiegend weiss.

Afroamerikanische oder lateinamerikanische Schülerinnen und Schüler dagegen sind weitgehend von einem Uni-Studium der alten Sprachen ausgeschlossen. Dies aus dem schlichten Grund, dass die Schulen, die sie hauptsächlich besuchen, gar keine Lektionen in Altgriechisch oder Latein anbieten.

Lucia Orelli Facchini. Lucia Orelli Facchini

Es liegt also ein klarer Fall von Diskriminierung vor. Doch man muss ebenso klar differenzieren: Nicht die klassischen Sprachen an sich und deren Beherrschen sind diskriminierend, sondern der Zugang zum Erlernen und dem Studium dieser klassischen Sprachen.

Wie sieht Lucia Orelli Facchini, Lehrerin und Vizepräsidentin der "Associazione Italiana di Cultura Classica, Delegazione della Svizzera Italiana (AICC-DSI)"Externer Link den Fall? Sie ist übrigens die Tochter des bekannten Tessiner Dichters und Schriftstellers Giorgio Orelli, der 2013 starb.

swissinfo.ch: Was halten Sie von der Entscheidung der Princeton-Leitung?

Lucia Orelli Facchini: Princeton spricht es nicht offen aus, aber es besteht kein Zweifel: Um zu verstehen, was passiert ist, müssen wir das Phänomen in den aktuellen Kontext der so genannten Cancel-Culture stellen. Also der Kultur der Auslöschung und der Intoleranz auf der einen sowie des Kampfs der Black-Lives-Matter-Bewegung gegen den systemischen Rassismus auf der anderen Seite.

"Es ist wie eine Rückkehr zu den Bücherverbrennungen."

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In den USA, in Grossbritannien, aber auch in anderen Ländern haben wir eine starke Strömung der Cancel-Culture. Auf Forderungen und Petitionen von Aktivistinnen und Aktivisten werden allenthalben Statuen entfernt sowie Porträts und Bücher aussortiert. Es ist wie eine Rückkehr zu den Bücherverbrennungen. Da stellt sich schon die Frage, was vor dieser kollektiven Raserei noch gerettet werden kann.

Der gerechte Kampf für eine gerechte Sache – also gegen die Rassendiskriminierung, für die Gleichstellung der Geschlechter und für die soziale Gleichheit – läuft nun paradoxerweise Gefahr, in Obskurantismus (Brandmarkung des Wissens, die Red.) umzuschlagen.

Da ist nur offensichtlich, dass auch Griechisch und Latein ins Visier genommen werden. Aber werden nicht wichtige Teile der westlichen Geschichte ausgelöscht? Halten wir fest: Ein grosser Teil dieser Geschichte wurde in Griechisch und Latein geschrieben!

Handelt es sich auch hierzulande um ein elitäres Studium, wie dies in den USA der Fall ist?

Das italienische Gymnasium war und ist ein grosses Experiment in schulischer Demokratie. Es ermöglicht die Verbreitung traditioneller Kultur der Elite an öffentlichen Schulen. Dies ist nicht nur gerecht in Sachen Chancengleichheit, auch ist der Unterricht von hervorragender Qualität. Bei diesem Experiment war und ist das Studium der Sprache unerlässlich, denn es ist untrennbar mit dem Studium der Inhalte wie der Kultur und der Literatur verbunden.

Was nützt das ernsthafte Studium der Grammatik, der Syntax, der allgemeinen Struktur der Sprache, des etymologischen Bewusstseins in Bezug auf den Inhalt? Sie ermöglichen die Aneignung strenger intellektueller Methoden, einer philologischen Mentalität und interdisziplinärer Kenntnisse.

Sie bieten die Werkzeuge, um sämtliche Inhalte mit kreativer Präzision zu bearbeiten. Denn der Inhalt eines Werks muss zum einen in seinem Kontext verstanden werden, zum anderen muss er in die moderne Sprache und die Gegenwart übersetzt werden können.

Das Erlernen der alten Sprachen fördert die kognitive Flexibilität und schafft "nutzbares" Wissen, das verallgemeinert und in anderen Disziplinen, ja in der gesamten Wissenschaft, verwendet werden kann. Daher erscheint die Initiative der Princeton University nicht zukunftsweisend und sendet eine falsche und gefährliche Botschaft aus. Es wäre gut, wenn auch in den USA die Schülerinnen und Schüler auf mittlerer und oberer Stufe alle denselben Zugang zu alten Sprachen hätten.

In Berlin beispielsweise wurde in den letzten Jahren nachgewiesen, dass das Erlernen der lateinischen Sprache für Ausländerinnen und Ausländer, die Deutsch über das Grundniveau hinaus lernen, sehr nützlich ist.

Jene, die alte Sprachen studieren und deren Muttersprache nicht Deutsch ist, werden darin geschult, die Struktur der Sprache zu erkennen. Das hilft ihnen nicht nur den Zugang zu den romanischen Sprachen zu erleichtern, sondern zu allen indoeuropäischen Sprachen.

Dank der alten Sprachen können sie sich in die Kultur, in die sie eintauchen, hineinversetzen und deren Vorzüge und Mängel kritisch überprüfen. Das Beherrschen der Sprache und die Wiedererlangung eines Verständnisses von Geschichte sind das erste Mittel gegen Orientierungslosigkeit. Latein hilft also bei der Integration.

Ist es möglich, klassische Studien zu betreiben, ohne jemals Griechisch und Latein studiert zu haben?

Diese Frage ist entscheidend. Ja, es ist möglich, ein klassisches Studium zu absolvieren, ohne vorher Griechisch und Latein studiert zu haben. Aber nur, weil alles möglich ist. Sogar die Besteigung des Matterhorns in High-Heels, wenn man es richtig und mit Engagement macht.

Aber das kann und darf nicht die Regel sein. Denn man verzichtet damit wie gesagt auf den grundlegenden, prägenden Aspekt dieser Disziplinen: die Aneignung jener geistigen Gewohnheit, von der ich gesprochen habe, die sich mit dem Alter allmählich einstellen sollte. Es ist also auch eine Frage der Reife.

Die Sekundarstufe bietet einen reichhaltigen Lehrplan mit der Lektüre von ewigen Meisterwerken oder Texten, die als grundlegend für unsere Kultur gelten. Es ist fast unmöglich, all diese Werke dann an der Universität nachzuholen. Jedes Meisterwerk der griechischen und lateinischen Welt erzieht zur Interpretation und dialektischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dieses Teils der Welt und wirft intelligente und stets aktuelle Fragen auf. Die Ausbildung im Bereich der Interpretation und des dialektischen Vergleichs erfolgt in Etappen und erfordert einen langen Zeitraum – sicherlich mehr als fünf Jahre Studium an der Universität.

Besteht nicht die Gefahr, dass immer weniger Schüler vor der Uni alte Sprachen lernen?

Das ist natürlich ein Risiko. Es muss alles getan werden, um dies zu verhindern. Es wäre töricht, auf das hohe Bildungspotenzial zu verzichten, das die Methoden der Annäherung an alte Sprachen bieten.

"Das Abitur mit Griechisch und Latein ist nach wie vor einer der besten Passepartouts für Universitäts- und Fachhochschul-Studien."

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Wie ist die Situation in der Schweiz und im Tessin? Gibt es noch Interesse an diesen Sprachen?

Die Situation in der Schweiz und im Tessin ist nicht die beste. Aber das Interesse ist immer noch sehr hoch. Ich würde sagen, dass die Probleme weniger in der Nachfrage als vielmehr im Angebot bestehen. Mit der Reform der Matura (Abitur, die Red.) im Jahr 1995 wurden Altgriechisch und Latein in den Topf der "Sprachen" geworfen, sie stehen also in direkter Konkurrenz zu den modernen Sprachen.

Es ist jedoch bekannt, dass Altgriechisch und Latein "besondere" Sprachen sind, da sie ausschliesslich als Sprachkulturen studiert werden. In Bezug auf die modernen Sprachen (und alle anderen Disziplinen) besteht ihre Aufgabe darin, diese unter literaturhistorischen Gesichtspunkten zu ergänzen. Es ist falsch zu glauben, dass wir zwischen Englisch und Latein wählen können. Sie müssen Englisch UND Latein wählen!

Alles in allem ist es jedoch angesichts der ganzen Reihe von "Schikanen", welche die alten Sprachen durch die Reform erlitten haben, offensichtlich, wie widerstandsfähig diese Disziplinen sind.

Mit der bevorstehenden neuen Abiturreform wird sich der Wettbewerb zwischen den einzelnen Angeboten auf Gymnasialstufe weiter verschärfen. Parallel dazu wächst die Angst der jungen Menschen vor einer unsicheren Zukunft.

Aber es ist jetzt möglich, anhand von Daten zu zeigen, dass das Abitur mit Altgriechisch und Latein nach wie vor einer der besten Passepartouts für das Studium an Universitäten und Fachhochschulen ist. Bleiben wir also zuversichtlich und setzen wir auf Qualität.

Sind die alten Sprachen an den Schulen in der Schweiz Kindern auf der Oberschicht vorbehalten, wie dies in den USA der Fall ist?

Heute wie damals werden Altgriechisch und Latein eher von denjenigen belegt, die sie aus familiärer Tradition kennen. Oft handelt es sich dabei um Akademikerfamilien. Eine kürzlich durchgeführte statistische Erhebung hat ergeben, dass die Musterschülerin in unserem Land weiblich, Schweizerin, Tochter von Akademikern ist und im Gymnasium alte Sprachen studiert hat.

Dies ist das Profil, das die besten Chancen für ein erfolgreiches Hochschulstudium bietet, ganz gleich, um welche Fachrichtung es sich handelt. Aber die Zahl der Studierenden anderer Sprachen und Kulturen, die neugierig sind, nimmt zu. Für sie und ihre Familien ist die Information von grundlegender Bedeutung.

"Aber wozu soll man denn heute noch Altgriechisch sprechen?"

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Man kann sich vorstellen, dass es heute viele Eltern gibt, die sich angesichts eines Lehrplans, der bekanntermassen sehr anspruchsvoll, fragen: "Aber wozu soll man denn heute noch Altgriechisch sprechen?" Vieles, oder besser gesagt, fast alles, hängt von der Antwort ab, die man auf diese naive und verwirrende Frage geben kann.

Unser Schulsystem kümmert sich nicht darum, präventiv zu handeln, indem es diese Disziplinen vorschlägt oder die Antwort liefert. Die Verantwortung dafür liegt bei den Schulleitenden auf allen Ebenen und bei den Lehrpersonen.

Das Studium der alten Sprachen ermöglicht es uns, in die Gedankenwelt der grossen Schriftsteller der Vergangenheit einzudringen, die sich zu jenen Bereichen des Wissens geäussert haben, die zu unseren Schulfächern geworden sind. Also Philosophie, ethisch-politische Geschichtsschreibung, Mathematik, Geometrie, Medizin, Architektur, Theater. Ihre Werke haben unsere Kultur direkt und wiederholt beeinflusst.

Wir werden nicht müde zu wiederholen, dass die alten Sprachen im Allgemeinen zum Verständnis und zur Übersetzung des komplexen Denkens der verschiedensten Bereiche und zu seiner kritischen Interpretation beitragen. Sie sind gewissermassen die Mathematik der Geisteswissenschaften.

Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrerin gemacht? Hat sich im Lauf der Jahre etwas geändert, sowohl auf Seiten der Schüler- als auch auf Seiten der Lehrerschaft?

In meiner dreissigjährigen Erfahrung – ich begann 1991 in Zürich zu unterrichten, blieb dort bis 2003 und unterrichte jetzt im Tessin – habe ich einige beunruhigende Höhen und Tiefen erlebt. Ich habe erkannt, dass die Rolle der Schulleitenden entscheidend ist. Wenn Informationen fliessen, funktioniert alles wie in der Vergangenheit und sogar noch besser.

Schülerinnen und Schüler, die mit Smartphones ausgestattet sind, lesen immer weniger und kommen oft mit einem minimalen Wortschatz und minimalen kulturellen Kenntnissen in die Schule. Aber sie sind immer noch "Studierende", etymologisch: "eifrig" und "wissbegierig".

Altgriechisch und Latein entführen sie in Welten, die weit entfernt, ja sogar fern sind, aber gleichzeitig ähnlich und vertraut. Indirekt bereichern sie ihr Vokabular und werfen ein neues Licht auf die sie umgebende Kultur, und zwar von innen heraus. Sie erkennen zum Beispiel sehr früh, wie stark die Qualität ihres Italienischen von ihren Lateinkenntnissen profitiert.

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