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Kalligraphie auf der Suche nach Resonanz in der Digital-Ära

Souun Takeda zeichnete 湧純 (Yu Jun: Reiner Brunnen) während seines Aufenthalts in Zürich im vergangenen Jahr – inspiriert von der Reinheit der Menschen, der Landschaft und den Brunnen in der Schweiz. Kaoru Uda/swissinfo.ch

Der japanische Kalligraph Souun Takeda hält in Zürich seine erste Einzelausstellung in Europa. Der Künstler zeigt, dass die Kunst des "Shodo" im digitalen Zeitalter mehr ist als nur Tinte auf Papier.

Dieser Inhalt wurde am 10. Oktober 2021 - 09:00 publiziert

Wer bei japanischer Kalligraphie an schwarz-weisse Zeichen denkt, die mit einem Pinsel auf weisses Papier gemalt werden, wird überrascht sein: In Souun Takedas Ausstellung in Zürich sind viele Werke zu sehen, die wie abstrakte Gemälde aussehen, bunte Acrylfarben, wild auf der Leinwand verteilt.

"Da die Kalligraphie eher ein traditioneller Stil, eine Kata ist, fühlte ich mich eingeengt”, sagt Takeda. Als er zum Spass mit den Buntstiften seiner eigenen Kinder zeichnete, war er von deren Energie fasziniert. 

Der traditionelle Stil (links) bedeutet für Takeda "Stille". Die farbigen Werke "Bewegung". Er sagt, dass er durch das Hin- und Herbewegen zwischen "Stille" und "Bewegung" ein gutes Gleichgewicht in sich selbst findet. Kaoru Uda/swissinfo.ch

Aber er geht auch in die gegenteilige Richtung und verzichtet ganz auf Farben: Für das Werk 道 (Pfad) spritzte Takeda Wasser aus einem Schlauch und schrieb ein "Kanji" (Schriftzeichen) auf ein noch nasses Reispapier – eine neue Technik in der konservativen Kalligraphie.

Das Werk fiel dem Kurator Peter Wallimann auf der Art International Zürich 2019 auf und führte schliesslich zur Einzelausstellung Takedas in seiner Galerie in der Zürcher Innenstadt. 

Der "Weg" an der Ausstellung in der Schweiz. Kaoru Uda/swissinfo.ch

Ritualisiertes Schreiben

Kalligraphie – auf Japanisch" Shodo" – ist die hohe Kunst des Schreibens. Sie wurde zusammen mit den chinesischen Schriftzeichen aus China in Japan eingeführt, und mit der Geburt des "Kanas", der japanischen Silbenschrift in der Heian-Zeit (794-1192) blühte Shodo auf.

"Im Sinne des Strebens nach der Schönheit von Form, Farbe und Gleichgewicht ist sie der westlichen Kalligraphie ähnlich. Man kann auch den Buchstaben A schön schreiben", sagt Takeda.

Aber die japanische Kalligraphie ist stärker ritualisiert: Man sitzt aufrecht vor einem Blatt Papier und reibt sanft an einem Tuschestäbchen, wobei ein subtiler und tiefer Geruch von Tinte aufsteigt. Dann taucht man einen Pinsel in die Tinte und konzentriert sich. Takeda sieht hier einen starken Bezug der Kalligraphie zur shintoistischen Tradition Japans.

"Kanji sind hieroglyphische Zeichen – Wirklichkeit in abstrakte Symbole verwandelt. Ich bringe sie in ihr ursprüngliches Bild zurück. Der Geist wird transparent und verschmilzt mit dem Kosmos."

Takeda lernte das Handwerk ab seinem dritten Lebensjahr bei seiner Mutter, die ebenfalls Kalligraphin war. Später zogen seine Modernisierungsversuche in Strassenauftritten, Kollaborationen mit Musikern oder Bildhauern viel Aufmerksamkeit auf sich.

Der 46-Jährige sieht die Zukunft der Kalligraphie in ihrer Erneuerung: "Es ist sinnlos, einfach zu sagen: ‘Hey, das ist die japanische Tradition.’ Ein ausländisches Publikum wie die Schweizerinnen und Schweizer wird das nie verstehen." Aus diesem Grund versuche er immer Schönheit und Resonanz – also ein Produkt der Kommunikation –  in Einklang zu bringen.

Der Reiz des Zwecklosen

In China und Japan ist die Kalligraphie noch immer tief verwurzelt. Im Jahr 2009 wurde die chinesische Kalligraphie von der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) zum immateriellen Kulturerbe erklärtExterner Link. In Japan lernen Kinder in der Grundschule Kalligraphie.

Doch für viele japanische Erwachsene ist Kalligraphie nichts weiter als Nostalgie, die Erinnerungen an die Schulzeit weckt. Die Digitalisierung beraubt die Menschen auch der Möglichkeit, etwas von Hand zu schreiben.

Takeda aber bleibt optimistisch. "Die Welt konzentriert sich mehr und mehr auf Geschwindigkeit und Effizienz. In der Kalligraphie machen wir das Gegenteil, sie enthält so viel Zweckloses. Vielen Leuten gibt es ein gutes Gefühl, wenn sie sich darauf konzentrieren, einen einzigen Buchstaben immer und immer wieder zu schreiben."

Takeda behauptet, dass die Kalligraphie deswegen besonders bei der jungen Generation Anklang finde. "Eile bereichert nicht immer den Geist. Die Kalligraphie gibt uns ein Gefühl für die Schönheit des Augenblicks und dafür, dass wir das, was uns in diesem Moment durch den Kopf geht, eingrenzen können. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass es in diesem Moment eine Antwort auf alles gibt, dass alles direkt vor ihnen liegt, können sie besser Ruhe finden.”

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