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Schweiz beim CO2 "ungenügend", aber besser als viele andere

Um die gesetzten Klimaziele zu erreichen, setzen die Schweizer Behörden stark auf Solarenergie. © Keystone / Urs Flueeler

Das Schweizer Stimmvolk hat mit dem CO2-Gesetz eine der Säulen der Schweizer Klimapolitik gekippt. Das macht den Weg zur Klimaneutralität länger. Aber wo steht das Land im internationalen Vergleich?

Dieser Inhalt wurde am 15. Juni 2021 - 06:00 publiziert

Eine Steuer auf Flugtickets, höhere CO2-Abgaben auf fossile Brennstoffe und eine mögliche Verteuerung von Benzin und Diesel: Die Schweizer sind nicht bereit, in die Tasche zu greifen, um die Klimakrise zu bewältigen. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie es das Parlament vorsah.

Mit der Ablehnung des CO2-Gesetzes am Sonntag hat das Schweizer Volk die Massnahmen abgelehnt, mit denen der Bund seine Verpflichtung zum Pariser Klimaabkommen umsetzen wollte.

Trotz des negativen Ergebnisses werde das Land das Ziel der Klimaneutralität weiterverfolgen, auch wenn dies schwieriger werde, sagte Umweltministerin Simonetta Sommaruga am Sonntag. Die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, China – das für die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich ist – und etwa hundert weitere Länder haben ebenfalls angekündigt, bis 2050 oder 2060 ein Null-Netto-Emissionsziel erreichen zu wollen.

Schweiz auf Rang 15

Wie steht die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern da?

Die Schweiz hat im Jahr 2019 rund 46 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente emittiert. Dies entspricht etwa 0,1% der globalen Emissionen. Im Durchschnitt emittiert eine Person in der Schweiz so viel wie zwei brasilianische, also 4,4 Tonnen CO2 pro Jahr.

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Die obigen Zahlen drücken nur die Emissionen aus, die auf nationaler Ebene entstehen. Berücksichtigt man auch importierte Emissionen, so steigt die Belastung einer in der Schweiz lebenden Person auf 14 Tonnen CO2 pro Jahr. Der Weltdurchschnitt beträgt 6 Tonnen. In dieser besonderen Weltrangliste, angeführt von den Bürgern Luxemburgs, liegt die Schweiz auf Rang 15.

Ziel 2050: Solarenergie

Die Schweiz hat sich international verpflichtet, ihre Emissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Die langfristige Strategie sieht vor, die Emissionen aus Verkehr, Gebäuden und Industrie um fast 90% zu reduzieren. Ein Teil der Reduzierung wird durch die Finanzierung von Klimaprojekten im Ausland erreicht.

>> Lesen Sie: Die Fragen rund um das bahnbrechende Abkommen zwischen der Schweiz und Peru zur Emissionsreduktion

Emissionen, die sich nur schwer vermeiden lassen, etwa in der Landwirtschaft und der Abfallbewirtschaftung, werden mit Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung ausgeglichen. Das folgende Video zeigt den Betrieb der weltweit ersten Industrieanlage, die Kohlendioxid aus der Luft holen und verwerten kann. Es wurde 2017 in der Nähe von Zürich eröffnet.

Dem vermehrten Strombedarf für die Elektrifizierung von Verkehr und Heizung wird durch einen Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Photovoltaik, Rechnung getragen, so der Plan der Schweiz. In dreissig Jahren, wenn die Schweiz alle ihre Atomkraftwerke stillgelegt hat, soll die Sonne 45% des im Land verbrauchten Stroms liefern. Heute sind es etwa 4%.

>> Lesen Sie: "Neue Gebäude sollten den Strom produzieren, den sie verbrauchen"

Die USA setzen auf Wind

Die Europäische Union  ist mittelfristig ehrgeiziger: Bis 2030 sollen die Emissionen um mindestens 55% gegenüber jenen von 1990 gesenkt werden. Der European Climate Act, ein zentrales Element des Green Deals, sieht Massnahmen in allen Sektoren vor, insbesondere in den Bereichen Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Gebäude.

Eines der wichtigsten Instrumente zur Erreichung der Ziele ist das Emissionshandelssystem, an dem die Schweiz ab 2020 teilnehmen wird. Es wird derzeit bei der Stromerzeugung, in der Industrie und im Inlandsflugverkehr eingesetzt und könnte auf den Strassenverkehr und die Heizung ausgedehnt werden.

Auch China setzt auf den Kohlenstoffmarkt, um den angestrebten Emissionswert im Jahr 2030 und Klimaneutralität bis 2060 zu erreichen. Das Anfang Februar gestartete, weltweit grösste Emissionshandelssystem bezieht vorerst die Energieunternehmen mit ein. In der Tat sind 60% der chinesischen Energieproduktion immer noch an Kohle gebunden. In Zukunft soll der CO2-Markt auf weitere Industrien wie Zement- und Stahlwerke ausgeweitet werden.

Nachdem die Vereinigten Staaten dem Pariser Abkommen beigetreten sind, wollen sie ihre Emissionen gegenüber dem Stand von 2005 um 50-52% senken. Joe Biden plant unter anderem, 2 Milliarden Dollar in die Renovierung von Gebäuden zu investieren und die Produktion von saubereren Fahrzeugen finanziell zu fördern. Die neue Regierung will auch mehr Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen, etwa durch den Bau neuer Offshore-Windparks.

Schweiz "ungenügend"

Die CO2-Abgabe der Schweiz auf fossile Brennstoffe - derzeit 96 Franken pro Tonne - gehört zu den höchsten der Welt, stellt der Climate Action Tracker (CATExterner Link) fest, ein unabhängiger Verein, der die Klimapolitik weltweit überwacht.

Das Engagement der Schweiz wird jedoch als "ungenügend" bewertet. Laut CAT werden die derzeit in der Schweiz geltenden Massnahmen bis 2030 zu einer Reduzierung der Emissionen um 26-31% führen. Damit läuft Bern Gefahr, das Ziel zu verfehlen, nachdem es bereits das Ziel für 2020 verfehlt hat.

Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz dennoch besser ab als die meisten europäischen Länder und Industrienationen. Im Climate Change Performance Index, der die Klimapolitik berücksichtigt, liegt die Schweiz auf Platz 14 von 61 Ländern. Obwohl es seine Ziele nicht erreicht hat, gehört es immer noch zu den Ländern, die ihre Emissionen in den letzten 30 Jahren reduziert haben.

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Welche Temperatur zum Jahrhundert-Ende?

Wenn all den Worten Taten folgen, soll die Durchschnittstemperatur des Planeten bis zum Ende des Jahrhunderts um 2,4°C höher sein als in vorindustrieller Zeit, so der jüngste CAT-Bericht. Das Ziel des Pariser Abkommens, die Erwärmung auf "deutlich unter" 2 Grad Celsius zu begrenzen, würde damit nicht erreicht.

Sonia Seneviratne, eine international renommierte Schweizer Klimaforscherin und Mitautorin der Berichte des Weltklimarats, ist jedoch zuversichtlich. Das Erreichen des Pariser Ziels "ist nicht unmöglich", sagt sie zu SWI swissinfo.ch. "Obwohl wir durch Covid-19 Zeit verloren haben, hat sich die Situation an der politischen Front mit dem Regierungswechsel in den Vereinigten Staaten verbessert. Die diesjährige Klimakonferenz in Glasgow wird entscheidend sein."

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