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Ein stilistischer Störenfried: Robert Haussmann ist gestorben

Sabine Dreher

Am 21. September ist der Architekt Robert Haussmann gestorben. Die Arbeiten der "Allgemeinen Entwurfsanstalt Zürich", die er mit seiner Frau Trix Haussmann-Högl führte, befreiten die Architektur spielerisch von den Stil-Zwängen der Moderne. 

Dieser Inhalt wurde am 29. September 2021 - 13:30 publiziert

Robert Haussmann wird 1931 in eine Welt der gewählten Inneneinrichtung hineingeboren: Sein Vater ist Tapezierer und Polsterer, Haussmann lernt den kunstfertigen Umgang mit allerlei Materialien schon früh kennen.

Während seines Studiums an der Kunstgewerbeschule in Zürich und an der Schule für Kunsthandwerk in Amsterdam prägen ihn die Ideen der Moderne. Er lernt bei Bauhaus-Ikonen wie Johannes Iten und Johan Niegemann, aber auch bei Gerrit Rietvel,  einem Vertreter der Gruppe De Stijl, der auch Piet Mondrian angehört.

MAGNUM PHOTOS/Rene Burri

Eine der noch eher gezähmten frühen Arbeiten findet man in der 1965 von Haussmann eingerichteten Kronenhallen-Bar in Zürich, die noch die Ruhe eines englischen Clubs ausströmt. Haussmann meinte einmal, die Moderne sei ihm damals heilig gewesen – erst die Übernahme des Geschäftes seines Vaters nach seinem Abschluss als Innenarchitekt habe dazu geführt, dass er etwas "Eigenes" entwickeln habe müssen.  

Dadaistisches Erbe

Doch Haussmann – oder besser: die Haussmanns beerben auch die anarchische Moderne. 1967, im Jahr ihrer Hochzeit, gründet das Ehepaar die "Allgemeine Entwurfsanstalt Zürich". Fortan entwickeln sie ihre Ideen stets, wie Trix Haussmann-Högl es einmal beschrieb, im "Ping-Pong".

Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich, ZHdK

Eine ihrer ersten gemeinsamen Arbeiten ist eine Serie von dysfunktionalen Stühlen, darunter ist einer, der scheinbar schmilzt wie Schokolade, und ein "Maso-Chair", der nicht wohlgeformte Gemütlichkeit, sondern nur Schmerz versprach – und Spass an der Zerstörung der "guten Form".

Eine Schlüsselszene für ihre gemeinsame Arbeit war Haussmanns Begegnung mit Hans Arp. Dazu kam es so: Bei privaten Vorlesungen beim Architekturtheorie-Papst Siegfried Giedeon, die Haussmann am Ende seines Studiums hört, kommt ab und an auch der dadaistische Dichter und Bildhauer Hans Arp vorbei. Einmal wirft er Streichhölzer auf einen Tisch und sagt: "Das ist schön." Er sammelt sie ein, wirft erneut: "Und auch das ist schön."

Für Haussmann ein Schlüsselmoment der Inspiration: Die Idee, dass Schönheit durch Zufall, durch das neu Zusammengewürfelte entsteht, prägt die Arbeiten der Haussmanns in der Folge stark.

Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich, ZHdK

1977 publizieren sie eine Reihe von "Lehrstücken", die exemplarisch vorzeigen, wie man Neues aus Altem kombinieren konnte: Mit dem Büroschreibtisch, der in Brückenform gestaltet ist, einem Schubladenturm in Säulenform und ähnlichen Stil-Chimären schlagen sie gezielt gegen das moderne Credo "Form follows function".

Die deutsche Zeitung "Die Welt" verglich die Haussmanns 2018 mit der Memphis Group, die sich Ende der 1980er aufgelöt hatte, und fragte: "Warum sind diese Schweizer Architekten nicht weltbekannt?"

Museum für Gestaltung Zürich

Gegen  Ausdrucksarmut

Die Hausmanns sahen diesen "Manierismo Critico", das Spiel mit Perspektiven, optischen Täuschungen und ironischen Materialzitaten, als Möglichkeit, den ewig gleich geschwungenen Linien und Formen, der "Ausdrucksarmut" der Moderne zu entkommen. Trotzdem: Die "Allgemeine Entwurfsanstalt" war nicht das Cabaret Voltaire, sondern auch ein funktionierendes Unternehmen, das Umbauten übernahm und Designaufträge ausführte.

Museum für Gestaltung

Am eindrücklichsten zeigt sich ihr Spiel mit Formen und Materialien noch heute dort, wo Leute einkaufen: Unter dem Hauptbahnhof Zürich, wo sie 1981 die Erweiterung der Bahnhofpassage einkleideten, die mit schwarzweissem Marmor und Spiegeln an der Decke zu ortsunüblicher Grandezza aufsteigt. Oder im Einkaufszentrum "Galleria" in Hamburg, das das historische Vorbild der Galleria degli Antichi in Sabbioneta neu interpretiert.

Keystone

Sie richteten etliche Geschäftslokale ein. Theoretische Aspekte hätten die Besitzer nie interessiert, solange die Umsätze stiegen, meinte Haussmann in einem Interview: "Läden erlaubten es, Dinge auszuprobieren."

Seiner Freude an der Hinterfragung der Architektur, an der Theorie konnte Haussmann bei Lehraufträgen an der Zürcher Kunstgewerbeschule und der ETH Zürich nachgehen. Von 1986 bis 1998 wirkte er auch als Entwurfsprofessor für Architektur an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 2013 wurden er und seine Frau  vom Bundesamt für Kultur für ihr gemeinsames Schaffen mit dem Grand Prix Design ausgezeichnet.

Galleria Hamburg


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