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"Am meisten Sorge macht mir die Europafrage"

© Keystone / Urs Flueeler

Ende August verabschiedet sich Remo Gysin, der Präsident der Auslandschweizer-Organisation ASO, aus dem Amt. Erkenntnisse aus seiner sechsjährigen Amtszeit und eine Bilanz. 

Dieser Inhalt wurde am 31. Juli 2021 - 11:00 publiziert

swissinfo.ch: Herr Gysin, Sie treten als Präsident der ASO zurück. Wie ist es?

Remo Gysin: Es ist Zeit. Der Rücktritt war auf letztes Jahr vorgesehen. Doch dann kam die Pandemie.

Sie waren 21 Jahre bei der ASO. Mögen Sie sich an Ihren ersten Eindruck erinnern?

Was mich von Anfang an faszinierte, war diese weltweite Organisation, einzigartig.

Gleichzeitig ist sie auch eine urschweizerische Organisation, beinahe Sinnbild einer gewissen "Heimatschweiz".

Genau. Man sah das auch am Auslandschweizertag am Fête des Vignerons 2019 und bei der 100-Jahr-Feier der ASO 2016, zwei Höhepunkte meiner Amtszeit. Auswandern ist urschweizerisch. Das gehört bis heute traditionell zu verschiedenen Berufen. Ich kenne einen Käser, der nach Bhutan auswanderte, sich dort verliebte und blieb. Er brachte sein Know-How und seine Schaffenskraft dorthin. Im Weiler, wo er wohnt, gab es bald Elektrizität und fliessend Wasser.

Dieser Auswanderer blieb für immer. Das hat sich geändert. Heute gehen viele für ein paar Jahre und kehren wieder zurück. Hilft das der ASO, wenn Sie die politischen Rechte der Fünften Schweiz verteidigen muss?

Die heutige Generation hat ein vitales Interesse, das Geschehen in der Heimat mitgestalten zu können. Heute ist es ein Kommen und Gehen. Die Auslandaufenthalte werden kürzer. Die Verbindung zur Schweiz bleibt lebendiger.

"Dieses stets erstaunliche Gemisch aus Swissness und Weltoffenheit."

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Diese Leute sind sehr mobil, Kosmopoliten. Auch weniger schweizerisch?

Im Gegenteil. Sie sind eine Art Hefe der Schweiz, die dem Land sehr guttun. Sie bringen die Aussensicht ein, auch Erfahrungen, teils handfeste Verbindungen. Das ist für unser Land sehr viel wert. Für mich war es immer wieder ein Highlight, Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer zu treffen, dieses stets erstaunliche Gemisch aus Swissness und Weltoffenheit.

Sie verlängerten nun ein Jahr, gingen auch zuvor oft die Extrameile. Das macht man nur, wenn Überzeugungen treiben. Was war ihr Motiv?

Ein faszinierendes und verantwortungsvolles Arbeitsfeld, in dem sich auch etwas zur sozialen Gerechtigkeit beitragen lässt.

Ist die ASO als Lobby-Organisation das richtige Vehikel, um eine soziale Ader einzubringen?

Sicher. Bildung, AHV und Krankenversicherung sind Kernthemen der ASO. Es gibt immer wieder Auslandschweizer, die durch Krisen in Not geraten. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist ein Beispiel dafür. Die Welt wird gespaltener, Umweltkatastrophen nehmen zu. Das spüren auch die Auslandschweizerinnen. Die Armut wächst. Sie ist übrigens auch ein Grund zum Auswandern. Immer mehr ältere Schweizer verlassen die Heimat, weil sie mit ihren Renten z.B. in Spanien, Portugal oder im grenznahen Gebiet unserer Nachbarländer besser durchkommen als in der Schweiz.

Auffällig ist gleichzeitig, wie sehr die Auslandbürger an einem Schweizer Bankkonto hängen.

Mit Recht. Und im Hinblick auf die Auszahlung von Renten und Leistungen der Krankenversicherungen oft ohne andere Wahl. Auch die finanzielle Instabilität mit Risiken einer massiven Abwertung im Gastland erfordert ein Bankkonto in der Schweiz. Ebenso Zahlungsverpflichtungen verschiedenster Arten, z.B. für den Unterhalt von Häusern oder auch von Grabstätten.  Vielen Auslandschweizerinnen und -schweizern wurde das Konto auf einer Schweizer Bank gekündigt oder eine Kontoeröffnung verwehrt. Mit der Genfer Kantonalbank gibt es nun einen Partner, der sich echt bemüht. Das vermisse ich bei den Grossbanken.

Dabei scheinen gerade die Gebühren ziemlich willkürlich, nicht?

Ja, und das trifft auch für Mindesteinlagen von 100'000 Franken und mehr zu. Wenn ein Wille da wäre, gäbe es auch einen Weg. Aber der Wille fehlt. Leider auch bei der öffentlichen Postfinance.  Die ASO und auch verschiedene Parlamentarier haben den Bundesrat in dieser Frage mehrfach angesprochen.

Er verweist jeweils diplomatisch auf die Wirtschaftsfreiheit.

Die auch Grenzen hat. Grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung sind doch wichtiger als reines Gewinnstreben.

Remo Gysin, Präsident der Auslandschweizer-Organisation. Keystone

Remo Gysin

1945 in Basel geboren, studierte er Wirtschaft und wurde Unternehmensberater. Zwischen 1984 und 1992 war er Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt.

Der Sozialdemokrat wurde 1995 in den Nationalrat des Schweizer Parlaments gewählt, dem er bis 2007 angehörte.

Gysin setzte sich dort für den Beitritt der Schweiz zu den Vereinten Nationen (UNO) ein, nahm an internationalen Missionen teil und wurde als Wahlbeobachter in verschiedene Länder geschickt.

Seit 2001 ist er Mitglied des Vorstands der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Am 14. August 2015 wurde er an deren Spitze gewählt.

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Mit Kritik an der Schweiz hielten Sie sich kaum je zurück.

Kritik ist lebenswichtig. Es braucht sie für Fortschritt und sie gehört zur Demokratie. Kritik, wie ich sie verstehe, ist aufbauend.

Und gleichzeitig sind Sie sehr stolz auf die Schweiz. Auf was eigentlich?

Ich freue mich über viele Errungenschaften, über Bürgerrechte, Freiheiten, soziale und wirtschaftliche Innovationen, dass Bundesräte ohne Personenschutz einkaufen und Regierungsrätinnen mit dem Velo zur Arbeit fahren können. Auch auf den Sozialstaat, unsere Demokratie und wie wir zusammenleben bin ich stolz. Aber es gibt noch einiges zu tun.

Was stört Sie?

Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierungen, Profitgier. Völlig unverständlich finde ich die hartherzige Flüchtlingspolitik. Was hindert uns an der grosszügigen Aufnahme von notleidenden Menschen?

Hier redet ein lupenreiner 68er…

Welcher während des Prager Frühlings ein Praktikum in Prag absolvierte und so erstmals Erfahrungen als Auslandschweizer machte.

Zurück zur ASO: Welche Organisation überlassen Sie Ihrem Nachfolger?

Eine gut aufgestellte, mit privaten und öffentlichen Institutionen bestens vernetzte ASO, welche sich auf künftige Herausforderungen freut und sich dabei auf 650 aktive Schweizervereine verlassen kann. Unsere Geschäftsstelle in Bern ist kreativ und fit. Sie hat zum Beispiel die infolge der Corona-Krise notwendigen Umstellungen auf Kurzarbeit, Home Office und neue Kommunikationsformen sehr gut gemeistert.

Was bleibt noch zu tun?

Neben den Dauerbaustellen E-Voting, Sozialversicherungen und Bankenpolitik wird uns die Aussenpolitik weiter auf Trab halten. Daneben gilt es, die ASO in der Schweiz bekannter zu machen und die Schweizer Vereine im Ausland verstärkt zu unterstützen.

Was ist eigentlich typisch für diese Organisation?

Dass man sich über alle politischen Parteien trifft und gemeinsam die Interessen der 776'000 Auslandschweizerinnen und -schweizer vertritt.

Soviel Harmonie?

Natürlich gibt es auch in der ASO unterschiedliche Blickwinkel und Spannungsfelder. Solche zeigen sich etwa in der Diskussion über unser Verhältnis zur EU oder – auf einer ganz anderen Ebene – bei der Frage, ob im Auslandschweizerrat auch Englisch als Diskussionssprache akzeptiert werden soll.

Ein SVP-Vertreter warf Ihnen vor, Sie hätten der ASO eine sozialistische Agenda aufgezwungen.

Wahrscheinlich hat ihm nicht gepasst, dass der Auslandschweizerrat die Nein-Parole zur Selbstbestimmungs-Initiative beschlossen hat. Sehen Sie, der Präsident ist eingebettet in einen Vorstand und in den Auslandschweizerrat, welche alle wichtigen Entscheide vorbereiten und treffen. Wie sich die ASO zu Europa stellt, wurde durch zahlreiche Beschlüsse und Resolutionen immer mit grossem Mehr bestimmt.

Hier landen wir bei den Rückschlägen. Zuletzt die Absage der Schweiz zum Rahmenabkommen. Auch bei der Bankenfrage und beim E-Voting gab es in Ihrer Amtszeit Niederlagen.

All diese Entwicklungen lagen ja nicht im Verantwortungsbereich der ASO. Die Rückschläge beim E-Voting waren für uns sehr happig. Jetzt geht es jedoch wieder vorwärts. Bleibt zu hoffen, dass der Bund die Zügel fest in die Hand nimmt. Am meisten Sorge macht mir aber tatsächlich die Europafrage. Am Schweizer Verhältnis zu Europa hängt sehr viel.

"Als wäre die Schweiz mehr an den USA und China als an Europa interessiert."

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Sie brachten bereits in Ihrer Zeit als Nationalrat den UNO-Beitritt der Schweiz aufs Parkett. Dann dieses Engagement für mehr Nähe zu Europa. Was versprechen Sie sich von internationalen Anbindungen der Schweiz?

Die Schweiz braucht Partner. Als der UNO-Beitritt zur Diskussion stand, war die Schweiz international fast nirgends eingebettet und hatte sich gerade gegen den EWR-Vertrag entschieden. Das ist eine gewisse Parallele zu heute, wo das wichtige Verhältnis zu Europa erneut in der Schwebe liegt. Der Rahmenvertrag ist abgelehnt. Die Bilateralen stehen infrage, werden teils bereits abgebaut. Die Schweizer Politik macht zurzeit den Eindruck, als wäre sie mehr an wirtschaftlichen Beziehungen mit den USA und China als an Europa interessiert. Das ist enttäuschend.

Für Sie oder für die Fünfte Schweiz?

Für die Schweiz insgesamt. Wir sind Teil von Europa. Über 60 Prozent aller Auslandschweizerinnen und -schweizer leben in Europa. Wenn die Personenfreizügigkeit, wie jetzt schon gemeinsame Bildungsprogramme, infrage gestellt wird, ist dies für die soziale und berufliche Perspektive bis hin zum Familiennachzug verheerend.

Es fällt auf: Grenzen haben in Ihrem Schaffen eine gewisse Bedeutung.

Ich bin Basler, da spürt man die Grenzen eher als etwa in Zug oder Glarus. Unser Hinterland ist das Elsass und Baden-Württemberg. Bereits als Kind landete ich auf einer Velotour unversehens in Deutschland. Schon als Student hatte ich stets drei Währungen in der Tasche. In der Dreiländer-Ecke kommt man als Europäerin und Europäer zur Welt.

Besonders am Herzen lag Ihnen die Errichtung einer Schweizer Holocaust-Gedenkstätte. Das Projekt ist jetzt auf bestem Weg. Es gibt einen Auftrag des Parlaments an den Bundesrat. Zufrieden?

Ja. Sehr. Den Anstoss dazu gab ein Artikel im "Beobachter", der zu einer Diskussion im Auslandschweizer-Rat führte. Zunächst ging es um die rund 1000 Schweizer Opfer der Nazizeit. Die Idee wurde in Zusammenarbeit mit Historikerinnen, dem ETH-Archiv für Zeitgeschichte und dem Schweizerischen-Israelitischen Gemeindebund zu einem Rahmenkonzept weiterentwickelt. Mit dessen Übergabe an den Bundesrat und der Überweisung der Motionen von Nationalrat Alfred Heer und Ständerat Daniel Jositsch hat der Bundesrat einen verbindlichen Auftrag zur Errichtung einer Gedenkstätte des Bundes. Ich bin auf die Umsetzung gespannt.

Sie sagten in diesem Zusammenhang: "Die Schweizer Grenze soll nicht die Grenze der Schweizer Geschichte sein." Wie meinten Sie das?

Lange hat die Schweizer Geschichte an den Landesgrenzen aufgehört. Gerade für Auslandschweizerinnen ist es aber klar, dass die Schweiz nicht an der Grenze endet.

Was hätten Sie bei der ASO gerne noch als abgeschlossen erlebt?

Die Repräsentativität des Auslandschweizerrats konnte leider nicht wie erhofft hergestellt werden. Pionierländer wie Mexiko, Australien und Grossbritannien, wählten ihre Delegierten zwar vorbildlich über E-Mail. Andere Länder zogen leider nicht nach. Schade, denn der Auslandschweizerrat sollte möglichst die ganze Schweizer Diaspora repräsentieren.

Warum?

Weil seine Anerkennung und damit sein Einflusspotential davon abhängen. Wenn lediglich Mitglieder von Schweizer Vereinen, also nur 2 bis 4 Prozent aller Auslandschweizerinnen, das Stimm- und Wahlrecht haben, werden die notwendigen Anforderungen an die Repräsentativität nicht erfüllt.

Haben Sie eine Lösung?

Eher eine Lehre aus dem bisherigen Vorgehen: Der Bund und die ASO müssen die Schweizer Vereine künftig mehr unterstützen, und diese sollten die Notwendigkeit einer weit grösseren Wahlbeteiligung akzeptieren und ihre Statuten entsprechend ändern.

Der Auslandschweizer-Rat setzt sich zusammen wie eine politische Partei: aus Delegierten von Ortsvereinen. Er bringt auch seine Stimme ein wie eine politische Partei. Man könnte es ja so betrachten, dann wäre alles gar nicht so schlimm.

Der 140-köpfige Auslandschweizerrat ist eher ein Parlament. Seine Mitglieder werden in regionalen Wahlbezirken gewählt, die dann eine geografische Delegation ähnlich einer Fraktion bilden.

Ein fester Auslandschweizer-Sitz im Parlament bleibt eine prüfenswerte Vision.

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Eine Ergänzung könnten feste Auslandschweizer-Sitze im eidgenössischen Parlament sein wie sie zum Beispiel Frankreich oder Italien auch haben.

Eine Arbeitsgruppe hat sich mit dieser Frage befasst und aufgezeigt, wie schwierig dies zu realisieren wäre. Auslandschweizerinnen und -schweizer haben genau so unterschiedliche Grundhaltungen, wie sie in der Schweiz zu beobachten sind. Der Zusammenhalt innerhalb einer Fraktion "Auslandschweiz" wäre deshalb bei den meisten Parlamentsgeschäften sehr lose.

Eine Vertretung im Parlament, das ist also kein Ziel? 

Doch, aber sie ist primär auf dem gegebenen Weg über die Aufnahme in kantonale Parteilisten zu realisieren. Ein anderes Modell wäre, die globale Auslandschweiz wie einen Kanton als eigenen Wahlkreis für das eidgenössische Parlament zu behandeln. Damit würden die Auslandschweizerinnen und -schweizer eine gesicherte parlamentarische Vertretung in National- und Ständerat bekommen. Das bleibt eine prüfenswerte Vision.  

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