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In 65'000 Kilometern um die Welt mit der "Ostrika"

Für viereinhalb Jahre ein Paar, das durch dick und dünn ging: Patrick Michel und die "Ostrika" 2015 in Newport/USA. swissinfo.ch

Im Mai war der Genfer Segler Patrick Michel in der Nähe von Antigua in der Karibik an Land gegangen. 2016 war er von dort in See gestochen. Dazwischen hat er seinen Kindheitstraum wahrgemacht: Über vier Jahre lang und auf 65'000 Kilometern auf den Meeren hat er die Welt umsegelt.

Dieser Inhalt wurde am 03. Oktober 2020 - 11:00 publiziert
Daniel Eskenazi

Zurzeit steckt der 47 Jahre alte Patrick Michel in einer Phase der Neuorientierung. Noch weiss der gebürtige Genfer nicht, ob er in die Schweiz zurückkehren wird, um eine eigene Firma zu gründen. Oder ob er ein zweites Mal zu einer Umsegelung der Erde aufbrechen wird.

2016: Der Informatiker, der auch Philosophie und Deutsch studiert hat, verlässt Knall auf Fall seinen Job bei einem multinationalen Unternehmen in Genf. Er lässt alles hinter sich, um auf dem Meer zu neuen Ufern aufzubrechen. Was hat ihn zu diesem Break geführt?

"Zwischen 2000 und 2006 hatte ich für Tetra Pak gearbeitet. Man hatte mir gesagt, dies sei ein Job fürs Leben. Die Gruppe war nicht an der Börse notiert, es gab also keinen Druck von Seiten der Aktionäre. Das dauerte etwa drei Jahre. Dann begannen die Umstrukturierungen und Kostensenkungen", sagt Patrick Michel via Skype von seinem Segelboot aus, das zurzeit in der Nähe von Vulcano, einer Insel vor der Nordküste Siziliens, vor Anker liegt.

"Ich verliess dann das Unternehmen und wurde externer Berater bei Thomson Reuters. Mein Vertrag wurde alle drei Monate verlängert, aber mit der Zeit verschlechterte sich das Klima. Ich kam mir nur noch wie eine Nummer vor. Dieser Mangel an Loyalität enttäuschte mich. Dann rief ich während eines Urlaubs, als ich als Skipper in Kroatien arbeitete, die Personalabteilung an, und teilte ihnen mit, dass ich nicht mehr für sie arbeiten würde. Es war der schönste Moment meines Lebens."

7. November 2016: Zwischen Tonga und Neuseeland führt Patrick Michel den täglichen Eintrag im Logbuch. Auf dem Laptop hat er die neuesten Wetterentwicklungen. swissinfo.ch

Liebe auf den ersten Blick

Seit seiner frühen Kindheit hat Patrick Michel eine Leidenschaft fürs Segeln – sein Vater hatte ihn regelmässig mitgenommen auf den Genfersee – und er trat gleich nach dieser Kündigung eine Stelle als Berufsskipper an. Zudem brachte er englischsprachigen Expats auf dem Genfersee das Segeln bei.

Doch nach etwa fünf Jahren verspürte er den Wunsch, sein Leben grundlegend zu verändern. "Ich war von jemand anderem abhängig. Ich dachte mir, wenn ich mein eigenes Boot hätte, wäre dies eine ideale Entscheidung für meine Lebensweise", sagt er.

Und das Schicksal meinte es gut mit ihm. Auf Facebook stolperte er über eine Anzeige. Die Ostrika, ein 1994 gebautes, fast 17 Meter langes Segelboot, stand zum Verkauf. Einige Wochen später, im April 2015, reiste er nach Newport, im US-Bundesstaat Rhode Island, um das Boot zu begutachten – es sollte bald sein treuster Begleiter sein.

"Ich habe mich sofort in die Yacht verliebt und sogleich beschlossen, sie zu kaufen. Ich leerte meine Wohnung in Carouge, stellte meine Sachen in einem Lager und im Haus meiner Eltern unter und machte mich mit ein paar Taschen auf den Weg. Nach drei Monaten, in denen ich die Ostrika aufmöbelte, war ich bereit, in Richtung Antillen aufzubrechen. Mir war klar, dass ich von diesen Inseln aus in See stechen wollte, um meinen Kindheitstraum zu verwirklichen – eine Weltumsegelung", sagt er mit einem breiten Lächeln.

Und fügt hinzu: "Das Leben auf einem Boot gibt einem die Freiheit zu reisen, das eigene Haus zu verlegen. Dies bedeutet für mich Abenteuer, wahres Reisen. Das Ziel ist nicht die Destination an sich, sondern die Reise dorthin. Und dann das Entdecken anderer Kulturen."

Die unglaubliche Grosszügigkeit der Polynesier

Die Reise begann am 2. Februar 2016 in Antigua. Und ging im Mai 2016 mit der Passage durch den Panamakanal weiter. Der Seefahrer reiste manchmal mit seiner Begleiterin, die er in Antigua getroffen hatte, oder mit Crewmitgliedern, die er auf spezialisierten Websites gefunden hatte. Die Überquerung des Pazifischen Ozeans war unvergesslich. Es war sein erster Ozean auf der 65'000 km langen Reise, den er neu entdeckte.

"Während meiner Weltumrundung haben mich die Menschen in den Länder am Pazifischen Ozean am meisten beeindruckt. Sie sind ausserordentlich herzlich gegenüber Gästen, die in einem Segelboot ankommen. Auf jeder Insel, die wir besuchten, wurde uns ständig Obst und Gemüse angeboten, ohne jemals eine Gegenleistung von uns zu verlangen. Ich habe noch nie so grosszügige Menschen gesehen.

Ich fragte einen Polynesier, warum wir so viele Geschenke erhalten hatten. Er antwortete, ihre Vorfahren seien ein Volk gewesen, das auf dem Seeweg gekommen sei. Jetzt, da sie Obst und Gemüse auf dem Land anbauen könnten, werde ein Teil davon an jene zurückgegeben, die heute auf dem Seeweg ankämen. Diese Tradition besteht auch im 21. Jahrhundert noch", erzählt Patrick Michel.

Neben den Geschenken war der Abenteurer auch beeindruckt vom Tauschhandel, der dort an vielen Orten praktiziert wird. Konnte er sich mit den Einheimischen weder auf Französisch noch auf Englisch verständigen, griff er zu Gesten.

"Der Handel ist universell. Wenn wir frische Produkte brauchten und kein Geld in lokaler Währung hatten, zogen die Leute oft einen Tauschhandel gegen Produkte des Grundbedarfs vor: Wir gaben ihnen Seife, Öl, Zucker oder Kaffee, aber auch alte Kleider oder Fischereigeräte. Im Gegenzug erhielten wir Bananen oder Zitronen. Das war einfacher, als auf eine Nachbarinsel zu fahren, um unsere Dollars umzutauschen. Dank des Tauschhandels konnten wir uns wochenlang ernähren", sagt er.

Eine ganz besondere Insel

Neben dem Segeln unternahm Michel auf der Reise um die Welt auch Tauchgänge, insbesondere in den vulkanischen Tiefen des Raja-Ampat-Archipels in Indonesien. Diese Region beherbergt die grösste Korallenvielfalt der Welt.

Einige hundert Kilometer weiter südöstlich durchquerte die Besatzung eines Nachts die Torres-Strasse. "Das Wasser war elektrisch leuchtend blau. Die Wirkung des Windes gegen die Gezeiten hob das phosphoreszierende Plankton an. Es war ein magischer Anblick", erinnert sich Patrick Michel.

Eine weitere bleibende Erinnerung: Palmerston Island, eine fast menschenleere Insel etwa 1000 km westlich von Tahiti. Die etwa fünfzig Menschen, die dort leben, stammen alle vom selben Vorfahren ab, der 1863 auf der Insel gelandet war.

"Es ist ein ganz besonderer Ort, eine Art Soziallabor. Die Einheimischen kamen, um uns mit einem Boot abzuholen. Wir begleiteten sie zum Fischen und am Mittag gaben sie uns zu essen. Sie betrachten dies als ihre Verantwortung gegenüber Besuchern. Als sie dann genug von uns hatten, brachten sie uns zurück zu unserem Segelboot", erzählt Patrick Michel.

Das Abenteuer wurde auch durch Pausen unterbrochen, etwa um Teile des Bootes etwas aufzumöbeln. Oder für Besuche bei seiner Familie in der Schweiz im Winter, um die Saison der Hurrikane zu vermeiden. Gleich zu Anfang 2016 hatten Sturmwinde sein Segel zerrissen – es blieb der einzige grössere Schaden, den die Ostrika erlitt. Dank der modernen und zuverlässigen Kommunikationssysteme hat Michel den Stürmen meist ausweichen können.

Corona reicht bis aufs Meer

Doch dann durchkreuzte die Coronakrise mit der Covid-19-Pandemie auch Michels Pläne, als er vor Namibia lag. Statt Kurs auf Italien zu nehmen, nahm er im März Kurs auf die Antillen. Auf St. Helena, der Insel von Napoleons letzter Verbannung im Südatlantik, steckten sie einen Monat fest. "Wir wussten nicht, wohin wir segeln sollten, da ein Inselstaat nach dem andern seine Grenzen dicht machte. Nur die US-Jungferninseln liessen eine Landung noch zu.

Ich stellte dann für die 7500 Kilometer lange Überfahrt Richtung Antillen eine neue Besatzung zusammen. Und vor der Küste Antiguas weckte ich meine Teamkollegen eines Morgens um sieben Uhr auf und wir stiessen mit Champagner an – ich hatte meinen Traum verwirklicht." Ein Traum, der mit der Vermietung von zwei Wohnungen in Genf finanziert wurde.

Wie blickt der vielgereiste Auslandschweizer nach seinen Abenteuern auf See auf sein Land? "Im Lauf der Jahre verlor es meiner Meinung nach etwas von seiner Schönheit und Originalität. Wir kapitulierten vor Europa. Und wenn ich nach Genf komme, ist es immer eine Stadt voller Baustellen", klagt er.

Eine zweite Weltumrundung scheint wahrscheinlicher als eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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