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Die Verzweiflung jener, die Rechtspopulisten wählen

Christian Lutz

Wer arm ist, bleibt den Wahlurnen fern oder wählt eher Linkspopulisten. Der Aufschwung rechtspopulistischer Parteien in Europa hat mit etwas anderem als Armut zu tun.

Dieser Inhalt wurde am 11. Juli 2021 - 09:00 publiziert
Sibilla Bondolfi (Text), Christian Lutz (Fotos), Ester Unterfinger (Bildredaktion)

Laut Populisten besteht die Gesellschaft aus einem Volk und einer Elite. Weil die Elite sich bereichert und das Volk unterdrückt, muss die Elite entmachtet werden und das Volk wieder das Sagen haben.

Ein solches Narrativ fällt auf besonders fruchtbaren Boden, wenn es in einer Gesellschaft tatsächlich ein grosses Machtgefälle und soziale Ungleichheit gibt – sollte man meinen. Doch dies stimmt nur zum Teil. Wer arm ist, geht häufig überhaupt nicht wählen. Oder wählt eine linkspopulistische Partei, die Umverteilung verspricht.

Was sind also die Sorgen der Menschen, die rechtspopulistische Parteien wählen? Was macht sie empfänglich für Versprechen von ganz rechts?

Der Schweizer Fotograf Christian Lutz hat sich an Orte in Europa begeben, wo rechtspopulistische Parteien besonders erfolgreich sind. In seinem Bildband "Citizens" zeigt er die Verzweiflung der Menschen, die solche Parteien wählen.

Der Bildband "Citizens" des Schweizer Fotografen Christian Lutz

Der Schweizer Fotograf Christian Lutz hat sich an Orte in Europa begeben, wo rechtspopulistische Parteien besonders erfolgreich sind. Es handelt sich um Parteien wie UKIP im Vereinigten Königreich, Dansk Folkeparti (DF) in Dänemark, FPÖ in Österreich, AfD in Deutschland, Vox in Spanien oder die Schweizerische Volkspartei (SVP).

Ob Porträts, Aufnahmen von Kundgebungen, postindustriellen Landschaften, Bars oder Versammlungslokalen – überall offenbart die Tristesse der Bilder eine tiefliegende Verzweiflung. "Rechtspopulistische Parteien mit manipulatorischen und demagogischen Programmen haben häufig dort Erfolg, wo Bürgerinnen und Bürger leiden, weil sie die Arbeit verloren oder wirtschaftliche Probleme haben", erklärt Lutz im Gespräch mit SWI swissinfo.ch.

In der Schweiz ist die Situation komplizierter. "Ich habe viel Zeit in der Innerschweiz verbracht, im Kanton Nidwalden, wo die Schweizerische Volkspartei (SVP) bei den Nationalratswahlen 2015 über 80 Prozent der Stimmen erhalten hat", so Lutz. Dort leidet die breite Bevölkerung nicht unter wirtschaftlichen Sorgen, der Lebensstandard ist hoch. "Die Slogans und Inhalte sind die Gleichen wie von anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa, aber sie richten sich nicht an die gleichen Menschen", so Lutz.

Wovor fürchten sich diese Menschen? Laut Lutz ist es in der Schweiz sehr wichtig, einen Arbeitsplatz zu haben. Wenn man ihn verliert, komme das einer Katastrophe gleich. In der Schweiz gehe es vor allem darum, mit Protektionismus den hohen Lebensstandard zu halten sowie gegenüber der EU autonom zu bleiben. Der harte Kern der SVP – "ein Club aus Zürcher Milliardären" – stelle Wirtschaft und Industrie an vorderste Stelle. Für Lutz ist das unerträglich. "Wir könnten unseren Lebensstandard etwas senken, um besser zusammenzuleben."

Lutz versteht sein Werk nicht als journalistische Arbeit, sondern als dokumentarische. "Ich bin kein Politologe", sagt er. "Ich drücke aus sehr persönlicher Sicht meine Besorgnis über diese Bewegungen in Europa aus. Für mich sind sie ein Alptraum." Er sei im Allgemeinen hoffnungslos und desillusioniert: "Wie unsere heutigen Gesellschaften funktionieren, hat für mich im Allgemeinen etwas Verzweifeltes, Hoffnungsloses." Als Fotograf könne er nur den Blick auf etwas richten, das sei sein Beitrag.

"Citizens"Externer Link erschienen in der Edition Patrick Frey

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"Es gibt ein weit verbreitetes Gefühl unter Wählerinnen und Wählern, dass ihre Bedürfnisse und Anliegen von den etablierten Parteien ignoriert und vernachlässigt werden", sagt Anna Grzymala-Busse, Direktorin des "Europe Center" an der Stanford University in Kalifornien. Das mache populistische Appelle so stark, denn diese artikulierten die Enttäuschung und die Gefühle des im Stich gelassen Werdens.

Eine direkte Verbindung zu sozialer Ungleichheit gebe es jedoch nicht: "Wir haben seit Jahrzehnten viele Länder mit Ungleichheit ohne Populismus – und Populismus in relativ gleichberechtigten Gesellschaften wie in Polen und Ungarn", so Grzymala-Busse. Die meisten Wählerinnen und Wähler populistischer Parteien gehörten nicht zur wirtschaftlich schwächsten Gruppe. "Vielmehr haben sie Angst vor Armut und Abstieg."

Verlust von sozialem Status

Laut dem Schweizer Politologen David Weisstanner, der als Assistenzprofessor an der Universität Aarhus und assoziierter Forscher an der Universität Oxford über den Zusammenhang von sozialem Status und Populismus forscht, kommt die Forschung beim Rechtspopulismus zu unterschiedlichen Ergebnissen. "Manche Studien zeigen: Wenn es Menschen ökonomisch und sozial schlecht geht, wollen sie mit der Wahl von Rechtspopulisten ein Zeichen setzen gegen etablierte Parteien." Aber es gebe auch Studien, die das anzweifelten. Die neuere Forschung sehe eine andere Ursache: Den Verlust von sozialem Status.

Laut Weisstanner ist die subjektive Wahrnehmung des eigenen sozialen Status entscheidender als Vermögen und Einkommen. So komme es, dass auch Personen aus dem Mittelstand rechtspopulistische Parteien wählten. Vor allem, wenn sie das Gefühl hätten, ihr Status sei bedroht.

Genau bei dieser Angst vor Verlust von sozialem Status setzen rechtspopulistische Bewegungen an. "Die Parteien bieten ein Programm, bei dem die Leute das Gefühl haben, sie könnten ihren sozialen Status verbessern", so Weisstanner. Beispielsweise durch die klare Unterteilung in Einheimische einerseits und Ausländerinnen und Ausländer andererseits.

Die Sendung Einstein von SRF ging dem Phänomen Populismus am 29.11.2018 nach:

Externer Inhalt

Auch Grzymala-Busse sagt, es gehe weniger um objektive Entbehrungen, sondern darum, dass die etablierten Parteien nicht in der Lage oder willens seien, auf die Sorgen der Wählerschaft einzugehen. "Die Populisten können aus dieser Vernachlässigung Kapital schlagen, um Ängste zu verstärken und Bedrohungen zu artikulieren."

Sonderfall Schweiz

Während in den USA und Grossbritannien die Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 zu grosser sozialer Ungleichheit geführt hat und insofern ökonomische Veränderungen bei den Phänomenen Trump und Brexit eine Rolle gespielt haben dürften, gibt es Rechtspopulismus in der Schweiz, Österreich und Norwegen schon seit Ende der 1980er- oder anfangs der 1990er-Jahre.

"In der Schweiz liegt die Erklärung für den Erfolg von Rechtspopulismus nicht in ökonomischer Benachteiligung, sondern in kulturellen Faktoren", so Weisstanner. Zwar gab es just in den 1990er-Jahren in der Schweiz eine Wirtschaftskrise, aber laut Weisstanner war für den Erfolg der Schweizerischen Volkspartei (SVP) die Europapolitische Diskussion entscheidender. 1992 lehnte die Schweizer Stimmbevölkerung den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp ab.

"Es ist nicht ein Entweder Oder – meist interagieren ökonomische und kulturelle Faktoren", so Weisstanner. "Identitätspolitische Fragen sind meist wichtiger, wenn es gleichzeitig wirtschaftlich nicht rund läuft."

Das Zeitalter der Bildung

Nicht nur Armut und Strukturwandel können also rechtspopulistische Bewegungen befeuern, sondern auch eine Unzufriedenheit der Menschen mit ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft oder Angst vor Identitätsverlust.

Laut Weisstanner hängt die Wahrnehmung des sozialen Status in heutigen Gesellschaften stark von der Bildung ab. Ausbildung und Bildungsniveau seien zu wichtigen Prestigefaktoren geworden. "Viele Menschen haben heute eine bessere Ausbildung als noch die eigenen Eltern. Gleichzeitig gibt es aber grössere soziale Unterschiede zwischen Menschen mit hohem Bildungsabschluss und solchen ohne. Das führt zu einer Polarisierung."

Bei Menschen mit universitärer Bildung haben laut Weisstanner traditionelle Werte wie beispielsweise gute familiäre Beziehungen oder überhaupt eine klassische Familiengründung an Prestige verloren. Bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau hätten solche Werte mehr Gewicht. "Diese Verschiebung davon, was als prestigeträchtig gilt, kann verunsichern und Unbehagen auslösen", schlussfolgert Weisstanner.

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