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Die Reliquien erhalten nach einem langen Fegefeuer wieder etwas Licht

Die öffentliche Zurschaustellung von Skeletten - wie dieses von St. Felix - war in der Schweiz sehr erfolgreich, geriet aber im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Bobby C.alkabes

Im Frühling weckte die Kathedrale von Freiburg mit einer ungewöhnlichen religiösen Zeremonie die Neugier der Öffentlichkeit und der Medien: Sie überführte die Reliquien eines Heiligen. Heutzutage erscheint eine solche Zeremonie etwas anachronistisch, doch die Schweiz war einst ein wichtiges Zentrum für diese religiöse Praxis.

Dieser Inhalt wurde am 13. September 2021 - 13:00 publiziert

Im vergangenen April wurden in Freiburg die Reliquien des heiligen Petrus Canisius aus dem Collège Saint-Michel – der Schule, die der Heilige im 16. Jahrhundert gründete – in die Kathedrale St. Nikolaus überführt. Die Zeremonie erregte nicht zuletzt wegen ihres ungewöhnlichen Charakters Aufmerksamkeit. "Die Weitergabe von Reliquien ist ein seltenes Ereignis in der Kirche", heisst es in einem Artikel auf dem Schweizer katholischen Portal cath.ch.

Eine diskrete Präsenz

Jede katholische Kirche enthält Reliquien von Heiligen. Dies ist nicht unbedingt bekannt, da ihre Anwesenheit meist diskret ist: Sie werden in der Regel auf dem Altar platziert, wo der Priester sein Amt ausübt. "Diese Praxis erinnert an die Zeit, als sich die ersten Christen in den Katakomben von Rom versammelten", erklärt Jean-Jacques Martin, Propst der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg.

Aber manchmal sind die Relikte besser sichtbar. So wurden im Freiburger Münster die Reliquien des heiligen Petrus Canisius in einen Reliquienarm gelegt, wie dies bereits bei den Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra und des heiligen Nikolaus von Flüe der Fall war. Die drei Reliquienschreine sind heute in Nischen in der Wand einer Kapelle untergebracht. Sie sind durch ein schmiedeeisernes Gitter geschützt, aber ihr Inhalt ist für die Besucher sichtbar.

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Aber es gab eine Zeit, in der Reliquien viel weniger diskret waren. Ganze Skelette wurden präpariert, in kostbare Kleider gekleidet und mit Juwelen geschmückt und der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Die Fotografin Carole Alkabes reiste drei Jahre lang durch die Schweiz auf der Suche nach solchen Relikten. Sie katalogisierte und fotografierte sie und veröffentlichte ein Buch.

Ein echter Handel

Reliquien gibt es seit den Anfängen des Christentums. Aber ihre Verbreitung hat sich in der Neuzeit entwickelt. "Es begann im Jahr 1578, als der Eingang zu den Katakomben in Rom zufällig wiederentdeckt wurde", erklärt Alkabes. "Daraus entwickelte sich ein ganzer Handel, denn diese Reliquien hatten einen doppelten Vorteil für die katholische Kirche. Einerseits trugen sie dazu bei, den Glauben des Volkes zu stärken und es so vor der Reformation zu schützen. Andererseits war ihr Verkauf eine Einnahmequelle."

Diese Reliquien aus den römischen Katakomben waren in der Schweiz, Deutschland und Österreich sehr beliebt. "Das ist kein Zufall", sagt Alkabes. "Sie sind vor allem in Gebieten zu finden, die an protestantische Territorien grenzten, immer mit dem Gedanken, die Bevölkerung vor der Reformation zu bewahren."

Auch die Schweiz besitzt viele dieser Reliquien, da die Päpstliche Schweizergarde eine sehr aktive Rolle in diesem Handel spielte. "Die Zeiten waren nicht sehr sicher und es war keine Kleinigkeit, von Rom bis nördlich der Alpen zu reisen", so die Fotografin weiter. "Sie versuchten, die Reliquien durch Mönche transportieren zu lassen, aber die waren viel zu langsam. Was die Laienhändler betrifft, so waren sie nicht immer sehr zuverlässig und ehrlich. Man hat also eine gute Lösung gefunden, indem man sie von der Schweizer Garde transportieren liessen."

"Die Schweizergarde war wirklich das Herzstück dieses Handels", betont Alkabes. "Allein Johan Rudolf Pfyffer, der 13. Kommandant der Garde, liess 25 Skelette in die Schweiz transportieren. Manchmal, wenn eine Gemeinde beschloss, eine Reliquie zu kaufen, half die Garde sogar dabei, das Geld aufzutreiben."

"Verbirg diesen Heiligen, dass ich ihn nicht sehen kann"

Die Begeisterung für diese Reliquien hielt mehr als zwei Jahrhunderte lang an, mit einem Höhepunkt im 17. Jahrhundert. Die religiösen Zeremonien erreichten ein Ausmass an Prunk und Pomp, wie es heute in der Schweiz kaum mehr vorstellbar ist. Der Rekord wird mit der Überführung eines Heiligen nach Wil im Kanton St.Gallen erreicht, wo sich 15'000 Menschen versammeln.

Doch diese Form der Frömmigkeit begann im 19. Jahrhundert zu verschwinden. Der Rückgang war zum Teil auf den kritischen Geist der Zeit zurückzuführen. Die katholische Kirche befand sich in einer Situation, in der sie Schwierigkeiten hatte, die Echtheit dieser Reliquien zu beweisen. Der Umschwung ist aber auch – und vor allem – auf einen Mentalitätswandel zurückzuführen.

"Diese Relikte repräsentierten ein Verständnis von Begräbnissen, die wir heute nicht mehr haben", erklärt Alkabes. "Sie erinnerten uns daran, dass wir alle sterblich sind, und so entstand ein Dialog mit dem Tod. Doch im 19. Jahrhundert änderten sich die Dinge mit der Literatur der Romantik. Der Tod wurde vor allem ein Leiden. Wir wollen diesen schockierenden und ekelhaften Tod nicht mehr zeigen."

Neben den Reliquien von Heiligen gibt es in der Schweiz auch eine Reihe von Beinhäusern, wie zum Beispiel das in Poschiavo im Kanton Graubünden. Katy Romy

Dieser Sittenwandel veranlasst die Gemeinden, ihre Reliquien zu verstecken, zum Beispiel hinter Wandbehängen oder Holztafeln oder manchmal auch an ungewöhnlichen Orten. "In einem Kloster nahm eine Nonne einen Schädel heraus, der in einem Karton mit Weihnachtsschmuck lag", erzählt Alkabes. "Sie erzählte mir, dass sie ihn nur einmal im Jahr, zu ihrem Geburtstag, herausnimmt. Bei einer anderen Gelegenheit wurden einige Knochen auf Regalen in einem Lagerraum neben dem Toilettenpapier zurückgelassen."

Die Notwendigkeit von Zeichen

Auch wenn die Reliquienverehrung nicht mehr so wichtig ist wie früher, ist sie nicht verschwunden. "Wir brauchen Zeichen, weil wir keine reinen Geister sind. Den Eindruck zu haben, einer Person nahe zu sein, ist ein ziemlich grundlegendes Zeichen", erklärte der Bischof der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg, Charles Morerod, im Radio RTS.

"Es gibt immer noch Gläubige, die Reliquien sehen wollen", sagte Jean-Jacques Martin. "Wir haben regelmässig Besucherinnen und Besucher aus Mitteleuropa, die nach Freiburg kommen, um die Bilder des heiligen Petrus Canisius zu verehren, weil er viel in diesen Regionen unterwegs war. Dies gilt auch für den Heiligen Nikolaus von Myra, den Schutzpatron Russlands und Griechenlands, und den Heiligen Nikolaus von Flüe, den Schutzpatron der Schweiz. Obwohl es keine Warteschlangen vor der Kathedrale gibt, um diese Reliquien zu besichtigen, kommen dennoch jeden Tag Besucherinnen und Besucher."

"Die Verehrung der Reliquien hängt sehr stark von der Region und der Mentalität ab", fügt der Dompropst hinzu. "In Peru zum Beispiel ziehen bestimmte Relikte immer noch Menschenmassen an. In unserer Region ist dies in der Tat nicht mehr der Fall. Aber diese Praxis kehrt ein wenig zurück, weil wir Dinge schon sehen und spüren mussten."

(Übertragung aus dem Französischen: Jonas Glatthard)

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