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Das Schweizer Covid-Zertifikat zieht Grenzen

© Keystone / Gaetan Bally

Ab Montag gilt in der Schweiz eine weitreichende Zertifikatspflicht. Wer mit AstraZeneca, Sputnik oder Sinopharm geimpft ist, erhält aber kein Schweizer Zertifikat. Expats, Touristen und Auslandschweizerinnen bleiben draussen.

Dieser Inhalt wurde am 09. September 2021 - 16:23 publiziert

Ab Montag herrscht in der Schweiz die Situation, die Tausende befürchtet haben. "Wir schaffen eine Zweiklassengesellschaft", sagt einer der Betroffenen, Franz Muheim. Er wohnt in Schottland, wurde dort mit AstraZeneca gegen Covid19 geimpft und hält sich gegenwärtig in der Schweiz auf.

Es sind Tausende, doppelt geimpft, sie leben in der Schweiz, aber das Land anerkennt ihre Impfung nicht. Ab Montag wird ihr Alltag in der Schweiz massiv erschwert. Sie müssen sich kostenpflichtig testen lassen, um am öffentlichen Leben teilzunehmen: Restaurants, Kulturleben, Fitness – ohne Zertifikat gibt es keinen Zutritt mehr.

Dieses Schicksal trifft kurzfristig auf alle jene zu, die mit diesen Impfstoffen geimpft wurden:

  • AstraZeneca (verimpft in 181 Ländern)
  • Sinovac (39 Länder)
  • Sputnik (70 Länder)
  • Sinopharm (65 Länder)

Schon vor Wochen wurde das Problem erkannt, formuliert und deponiert. Zum einen hat die Auslandschweizer-Organisation ASO die Landesregierung aufgefordert, alle WHO-anerkannten Impfstoffe auch im Schweizer Covid-Zertifikat zu berücksichtigen. Zum andern macht Schweiz Tourismus, die Lobby der Hoteliers und Restaurants, seit Wochen darauf aufmerksam, dass die Schweiz mit einem Zertifikat ein Problem kreieren würde für ihre ausländischen Gäste.

Lösung für AstraZeneca-Geimpfte

Geschehen ist aber den ganzen Sommer über nichts – und dann sehr wenig. Diese Woche hat das Bundesamt für Gesundheit mitgeteilt, dass die Zertifikatspflicht ab Montag kommt. Am Schluss der Mitteilung wird angekündigt: Alle Personen, die mit einem von der European Medicines Agency (EMA) zugelassenen Impfstoff geimpft sind, sollten ein Schweizer Covid-Zertifikat erlangen können. Konkret heisst das: AstraZeneca-Geimpfte erhalten mittelfristig wohl ein Zertifikat. Aber wann bleibt vorerst unklar. Bis kommenden Dienstag noch können sich die Kantone dazu äussern.

Wer hingegen einen chinesischen oder den russischen Impfstoff erhalten hat, wird in der Schweiz künftig wie eine ungeimpfte Person behandelt – mit allen damit verbundenen Nachteilen. "Der Zugang zum Zertifikat soll nicht auf sämtliche WHO-Impfstoffe ausgedehnt werden", teilt das Bundesamt für Gesundheit dazu mit.

Ariane Rustichelli, die Direktorin der Auslandschweizer-Organisation, sagt: "Es geht in die richtige Richtung, aber wir werden dranbleiben." Bisher habe der Bundesrat auf die entsprechende Forderung der ASO noch nicht geantwortet.

Sturm gegen die aktuellen Pläne läuft hingegen die Gastro- und Tourismusbranche. Touristiker warnen, dass Übersee-Gäste ab Montag auf den Zimmern oder in separaten Räumen speisen oder sich ständig testen lassen müssen.

Andreas Züllig, Präsident von Hotelleriesuisse sagt der Zeitung "Blick": "Dann gibt es Märkte, die gar nicht mehr einreisen." Im Nachteil sind vor allem die für die Schweiz sehr wichtigen Gäste aus China, den Golfstaaten und Indien.

Indische Touristen auf dem Jungfraujoch. Keystone / Alessandro Della Bella

Das Ganze wäre ein Fall für die Politik. Laurent Wehrli, FDP Nationalrat und Vorstand der Auslandschweizer-Organisation könnte im Parlament bereits in der Herbstsession, die nächste Woche beginnt, das Thema aufs Tapet bringen. Er wartet, bis der Bundesrat am nächsten Mittwoch die Liste der anzuerkennenden Imfpstoffe bekannt gibt, "bevor ich mich zur Einreichung einer parlamentarischen Intervention entscheide."

Gleichschritt mit der EU

Nicolo Paganini ist Präsident des Schweizer Tourismusverbands und gleichzeitig Nationalrat (Mitte). Er sieht vom parlamentarischen Weg vorerst ab. "Mit einer Motion verliert man viel Zeit", sagt er zu SWI swissinfo.ch, das Problem müsse schneller gelöst werden.

Den Knackpunkt ortet Paganini im Verhältnis der Schweiz zur EU. Der Schweiz und auch dem Tourismussektor sei die Anerkennung des Schweizer Zertifikats im EU-Raum wichtig. "Dies möchte man nicht riskieren", sagt er. Darum scheue man sich wohl, einseitig Vakzine zu anerkennen, welche nicht auf der EU-Liste sind. "Dennoch braucht es noch Nachbesserungen", sagt Paganini. Der Schweizer Tourismusverband führe entsprechende Gespräche.

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