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Covid-19: Lehrkräfte fordern strengere Massnahmen

Schulbeginn: Ein Lehrer am Montag mit Primarschülerinnen und -schülern einer 6. Klasse in Neuenhof, Kanton Aargau. Auch in anderen Kantonen werden die Kinder in den kommenden Wochen wieder zur Schule gehen. Keystone / Georgios Kefalas

Die Coronavirus-Massentests in den Schulen sollten fortgesetzt werden, sagen Lehrerinnen und Lehrer. Sie befürchten, dass es im neuen Schuljahr zu einer Häufung von Neuinfektionen im Zusammenhang mit der Delta-Variante kommen könnte.

Dieser Inhalt wurde am 12. August 2021 - 12:00 publiziert

Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden, warnten die Verantwortlichen am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden grössten Lehrer- und Lehrerinnenverbände der Schweiz in Bern. Der Schutz der Gesundheit von Schülerschaft und Lehrerpersonal habe weiterhin höchste Priorität.

Im Kanton Aargau sind die ersten Schülerinnen und Schüler nach den Sommerferien diese Woche an ihre Pulte zurückgekehrt. In anderen Kantonen werden sie in den kommenden Wochen das neue Schuljahr beginnen.

Auch im neuen Schuljahr bleiben die Gesundheitsmassnahmen an den Schulen bestehen, unter anderem Social Distancing, Händewaschen und Lüften. Eine Lockerung wird jedoch eingeführt: Ältere Schülerinnen und Schüler müssen keine Masken mehr tragen.

Die Fortsetzung regelmässiger Massentests würde neue Fälle schnell aufdecken, so der deutschsprachige Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCHExterner Link und sein französischsprachiges Pendant SERExterner Link.

"Kantone, die bereits regelmässige Corona-Tests in den Schulen eingeführt haben – wie zum Beispiel Graubünden – haben sie als erfolgreiche Massnahme empfunden. Es liegt an jedem Kanton, zu entscheiden, ob er [im neuen Schuljahr] regelmässige Corona-Tests in den Schulen einführen will", schreibt Beat Schwendimann, Vorstandsmitglied des LCH, gegenüber swissinfo.ch.

Bereits angekündigt, dass sie die Massentests fortsetzen werden, haben beispielsweise die Kantone Aargau, Bern, Zug und Luzern. In der Schweiz sind die Kantone für Bildungsfragen zuständig – und deshalb auch für die damit verbundenen Covid-Massnahmen. Entscheide können auch auf der unteren, kommunalen Ebene getroffen werden.

Die Lehrerinnen und Lehrer haben kürzlich als zusätzliche Massnahme im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus auch CO2-Messgeräte in den Klassenzimmern gefordert, um die Luftqualität messen zu können.

Die Impffrage

Die Frage der Impfung – sowohl der Lehrer- als auch der Schülerschaft – bleibt heikel. Die Verbände würden gegenwärtig eine freiwillige, aber vorrangige Impfung für Lehrpersonen fordern, so Schwendimann.

"Als unverzichtbare und stark exponierte Arbeitskräfte sollten Lehrerinnen und Lehrer, die sich impfen lassen wollen, hohe Priorität haben. Es bleibt aber das Recht einer jeden Lehrerperson, sich für oder gegen eine Impfung zu entscheiden", betont er.

Derzeit können sich in der Schweiz Kinder über 12 Jahren mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech und neu auch mit jenem von Moderna impfen lassen. So hat beispielsweise der Kanton Aargau angekündigtExterner Link, dass er mobile Impfstationen auf dem Schulgelände für Schülerinnen und Schüler über 15 Jahren plant, mit einer möglichen späteren Ausweitung auf Kinder ab 12 Jahren. Schwendimann begrüsst diese Initiative für jene, die sich impfen lassen wollen.

In der Schweiz sind die Lehrkräfte nicht verpflichtet, sich impfen zu lassen oder – wie in Italien – nachzuweisen, dass sie geimpft, getestet oder von einer Coronavirus-Infektion genesen sind.

Anderswo: Schulen und Corona

Italien: Pläne zur Wiedereröffnung der Schulen für das Herbstsemester. Lehrpersonen müssen einen grünen Ausweis vorlegen, aus dem hervorgeht, dass sie entweder mit mindestens einer Dosis geimpft wurden, sich innerhalb der letzten sechs Monate von Covid-19 erholt haben oder in den letzten 48 Stunden negativ getestet wurden.

Deutschland: Auch hier hofft man, die Schulen für das kommende Schuljahr wieder vollständig öffnen zu können, allerdings wahrscheinlich nur mit Massnahmen wie Tests, Masken, Belüftung und alternierendem Unterricht.

England: Viele der verbleibenden Covid-Beschränkungen in englischen Schulen wurden aufgehoben, ab dem 16. August einschliesslich der Änderung der Regeln für die Selbstisolierung von engen Kontaktpersonen eines Covid-positiven Falls.

Schottland: Die Massnahmen zur Eindämmung von Covid werden für mindestens sechs Wochen nach der Sommerpause beibehalten, allerdings werden die Regeln für die Selbstisolierung ganzer Klassen geändert.

USA: Staatliche und lokale Beamte sind derzeit geteilter Meinung darüber, ob Kinder in Schulen Masken tragen sollten, weil die Zahl der Covid-19-Fälle bei Kindern gerade dann ansteigt, wenn sie wieder zur Schule gehen.

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Der Schweizer Weg

Im Gegensatz zu den Nachbarländern Deutschland und Italien hielt die Schweiz im vergangenen Schuljahr ihre Schulen durchgehend geöffnet. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie waren die Schweizer Schulen nur einmal geschlossen: während des ersten Lockdowns im Frühling 2020.

"Der Bund hat in Zusammenarbeit mit den Kantonen versucht, ein schwieriges, aber letztlich recht erfolgreiches Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Bevölkerung und der Aufrechterhaltung von Dienstleistungen und Geschäften zu finden", so Schwendimann.

In den Schulen gelten strenge Sicherheits- und Hygienemassnahmen, die je nach Coronavirus-Situation angepasst wurden. So hat die Regierung im Oktober letzten Jahres das Tragen von Masken für ältere Schülerinnen und Schüler zur Pflicht gemacht. (Kurz vor den Sommerferien wurde dies wieder aufgehoben).

"Die Lehrkräfte und Schulleitungen haben ausserordentlich hart gearbeitet, um allen Schülerinnen und Schülern eine kontinuierliche Ausbildung zu ermöglichen", so Schwendimann.

Ängste wegen Ferienrückkehrenden

In der Schweiz nehmen die Coronavirus-Fälle jedoch wieder zu. Das Land meldete für das Wochenende und Montag 3144 Neuansteckungen, womit der Sieben-Tage-Schnitt bei 1003 liegt – ein Anstieg von 35% gegenüber der Vorwoche.

Expertinnen und Experten in der SchweizExterner Link haben bereits die Möglichkeit einer schnelleren Ausbreitung der Delta-Variante in der ungeimpften Bevölkerung in Aussicht gestellt, speziell bei Kindern unter 12 Jahren.

Gesundheitsminister Alain Berset sagte am Wochenende, dass eine weitere Lockerung der Massnahmen davon abhängen werde, wie sich die Kurve der Fälle nach den Ferien entwickle. Er nannte ausdrücklich die Rückkehr der Kinder in die Schule als einen der Faktoren.

Der Schatten der Pandemie wird also noch bis ins nächste Jahr hinein fallen. Die Bildungsorganisationen sind jedoch zuversichtlich, dass der Schweizer Weg weiterhin erfolgreich sein wird.

In der Zwischenzeit haben die Schulen auch mit anderen Problemen zu kämpfen, die durch die Pandemie hervorgerufen wurden. Etwa mit einem anhaltenden Mangel an Lehrpersonen, ungleichmässigen Fortschritten bei der digitalen Transformation und einem verbesserten Gesundheits- und Sicherheitsmanagement am Arbeitsplatz.

Andere Forderungen der Lehrkräfte

An der Medienkonferenz wurde auch auf das anhaltende Problem des Mangels an Lehrpersonen hingewiesen. Die Verbände betonen, mehr Menschen würden sich für den Beruf interessieren, wenn Lehrerinnen und Lehrer mehr Wertschätzung, eine gerechtere Bezahlung und geregelte Arbeitszeiten erhielten.

Die Lehrerschaft fordert auch die Wiederaufnahme von Exkursionen und Schullagern, die für die Entwicklung der Kinder und für Ziele im Lehrplan wichtig seien. Dies sei ein weiterer Grund, der für Massentests spreche. Der Bundesrat und die öffentlichen Verkehrsbetriebe werden aufgefordert, bezahlbare Transportmöglichkeiten für Schulklassen anzubieten.

Die Sprecherinnen und Sprecher wiesen auch darauf hin, dass es für junge Menschen während der Pandemie schwieriger geworden sei, ihre Berufswahl zu treffen. Die meisten Schulabgängerinnen und -abgänger in der Schweiz entscheiden sich für eine Berufslehre.

Dabei seien Schnuppertage und Berufsmessen ein wesentlicher Bestandteil der Berufswahl. Viele solche Veranstaltungen wurden jedoch während der Pandemie abgesagt oder ins Internet verlegt. Zudem begannen Unternehmen, vielversprechende Auszubildende immer früher zu rekrutieren. Das erhöht den Druck auf die Schülerschaft und ihre Familien.

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(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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