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Coronavirus: Die frühe Impfmüdigkeit der reichen Schweiz

Am 29. Juni gab es im Impfzentrum von Mendrisio im Tessin viele leere Stühle. Keystone / Pablo Gianinazzi

Genügend Impfdosen, aber keine Impfwilligen mehr: Dieses Luxusproblem haben viele wohlhabende Staaten. In der Schweiz stagniert die Impfquote im Vergleich besonders früh.

Dieser Inhalt wurde am 28. Juli 2021 - 08:45 publiziert

"Bist du schon geimpft?" Diese Frage hat im Frühling das übliche "wie geht's" als häufigste Begrüssungsfrage in der Schweiz abgelöst. Nachdem im Winter noch darüber diskutierte wurde, ob die Schweiz ihre Impfstoffe zu spät oder am falschen Ort bestellte, ging es ab April zügig vorwärts mit der Impfkampagne.

Ab dem Alter von zwölf Jahren können sich mittlerweile alle in der Schweiz gegen das Coronavirus impfen lassen. Doch kaum hat die Impfkampagne an Schub gewonnen, gehen der Schweiz die Impfwilligen aus. Impfdosen wären genügend vorhanden, doch die Nachfrage lässt nach, das Impftempo geht seit Wochen zurück.

Dieser Trend ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten: Während weltweit gesehen Impfstoff weiterhin eine Mangelware ist, verliert die Bevölkerung in Ländern mit genug Impfvorräten die Lust am Impfen.

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Als Folge nimmt die Impfgeschwindigkeit seit einem Höhepunkt im Juni weltweit ab oder stagniert zumindest. In der Schweiz bricht die Impfkadenz besonders schnell ein. Die Schweizer Behörden reagieren mit einer Informationskampagne, mobilen Impfzentren und locken mit gratis Kuchen. Bisher mit bescheidenem Erfolg.

Die Frühstarter kennen das Problem

Länder, die einige Zeit vor der Schweiz ihr Impftempo hochschrauben konnten, haben diese Entwicklung bereits durchgemacht.

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Israel konnte sich früh viele Dosen der Vakzine beschaffen und impfte die Bevölkerung im Rekordtempo. Kürzlich impfte Israel wieder etwas mehr, da auch Jugendliche zugelassen wurden, ansonsten ist das Impftempo jedoch seit April tief. Das hat auch damit zu tun, dass bereits über 66% der Einwohner Israels – ein Land mit einer eher jungen Bevölkerung – mindestens einmal geimpft sind.

Die USA waren ebenfalls zügig unterwegs, während europäische Länder noch auf Impfstoff-Lieferungen warteten. Bis das Angebot im April die Nachfrage überflügelte und das Impftempo abnahm. Um die Impfdisziplin trotzdem hoch zu halten, versuchten verschiedene Bundesstaaten, die Bevölkerung mit Belohnungen von Geldzahlungen über Donuts bis hin zu gratis Joints zu überzeugen. Geimpfte sind zudem von der Maskenpflicht ausgenommen. Aktuell sind rund 56% der USA geimpft.

Grossbritannien war eines der ersten Länder, das grossflächig mit dem Impfen begann. Seit Februar ist das Impftempo, auch gesteuert durch die Lieferkapazitäten, ein ständiges Auf und Ab. Der grosse Einbruch des Tempos kam aber erst im Juni. Auch Grossbritannien experimentierte mit Belohnungen, so wurden Anfang Juli etwa Tickets für den EM-Final verlost. Für Mitarbeitende in Altersheimen fordert die Regierung eine Impfpflicht. Nun sind über 68% der Bevölkerung geimpft, allerdings vergleichsweise viele erst mit der ersten von zwei Dosen.

Die Impfquote der Schweiz stagniert früh

Die Entwicklung in der Schweiz reiht sich damit nahtlos in die Erfahrungen im Ausland ein. "Wir haben auch in anderen Ländern beobachtet, dass bei einer Durchimpfungsrate von 50% die Bereitschaft etwas nachlässt, sich impfen zu lassen", sagte Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) kürzlich gegenüber SWI swissinfo.ch. "Aber es ist nur eine Verlangsamung."

Allerdings: Die Verlangsamung setzt hierzulande früher ein, als man erwarten könnte. Das zeigt der Vergleich mit den Nachbarländern. Dort flacht das Tempo ebenfalls ab, jedoch weniger schnell als in der Schweiz und erst nachdem ein höherer Anteil der Bevölkerung geimpft ist.

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Kurzzeitig sah es so vor wenigen Wochen so aus, als würde die Schweiz die Impfquote Frankreichs überholen. Doch dann brach das Tempo in der Schweiz ein und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte eine Impfpflicht für Mitarbeitende in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen an. Die Folge: Anteilsmässig sind nach aktuellem Datenstand in Frankreich, wie in allen Nachbarländern, mehr Personen geimpft als in der Schweiz.

Italien hat bereits über 60% der Bevölkerung geimpft, trotzdem flacht das Tempo weniger ab als in den anderen Nachbarländern der Schweiz. Verantwortlich dafür dürfte die Impfpflicht für das medizinische Personal sowie die Überalterung der italienischen Gesellschaft sein, denn unter den älteren Generationen ist die Impfquote generell höher.

Auch Deutschland und Österreich haben einen deutlich grösseren Anteil der Bevölkerung geimpft als die Schweiz und machen weiterhin schneller vorwärts. Wie die Schweiz kennen sie gewisse Privilegien für Geimpfte (sowie Getestete und Genesene): In der Schweiz beschränkt sich das auf den Zugang zu Diskotheken und Nachtklubs, in Österreich ist eines der drei G auch für Restaurantbesuche oder Museen nötig. In Deutschland gelten für geimpfte keine Kontaktbeschränkungen.

Nicht überall macht sich Impfmüdigkeit breit

In wenigen Ländern setzt die Impfmüdigkeit erst bei einer hohen Impfquote von über 65% ein. In Island, Kanada und Belgien ist das der Fall. In Belgien könnten die explodierenden Fallzahlen dazu geführt haben, dass sich einige doch noch für zu einer Impfung überreden liessen. In Kanada sind wie in Grossbritannien relativ viele erst mit einer von zwei Dosen geimpft. In Island kletterte die Impfquote auf über 75% und bremste just dann, als die Regierung Ende Juni die Aufhebung aller Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verkündete.

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Dann gibt es sogar Länder, die trotz weitem Impffortschritt kaum einen Einbruch des Impftempos sehen. Spanien erreicht ohne Zwang eine sehr hohe Durchimpfungs-Rate des Personals in Altersheimen (rund 90%) und Krankenhäusern (bis zu 98%). Das nimmt Diskussionen zu einem Impfobligatorium im Gesundheitsbereich den Wind aus den Segeln.

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In Spanien und Portugal sorgt die Delta-Variante für hohe Corona-Fallzahlen, die sich auch in der Belegung der Spitalbetten niederschlagen. Dass vor allem Ungeimpfte betroffen sind, dürfte die Motivation für die Impfung erhöhen.

In Dänemark steigen die Fallzahlen ebenfalls schon etwas länger als in der Schweiz, das Gesundheitssystem ist jedoch nicht am Anschlag. Kürzlich kaufte die dänische Regierung Rumänien eine Million Impfdosen ab.

Weshalb aber hat Rumänien überschüssige Covid-Impfungen? Sind denn alle Rumäninnen und Rumänen bereits geimpft? Mitnichten, Rumänien gehört zu den europäischen Schlusslichtern, nur gerade 25% haben den Pieks bekommen. Doch bereits jetzt gehen die Impfwilligen aus. Es fehlt an Zugang zu medizinischen Einrichtungen, dafür gibt es Misstrauen gegen die Regierung im Überfluss.

Derart extrem ist die Situation in der Schweiz nicht. Dafür, dass die Schweiz gut mit Impfstoff versorgt ist, verharrt die Impfquote momentan aber auf einem im internationalen Vergleich tiefen Niveau. Vielleicht ändert sich das, wenn die steigenden Fallzahlen sich in der Belegung der Intensivstationen niederschlagen. Eine Impfflicht ist dagegen politisch nicht realistisch.

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