Navigation

China mischt mit Büros in Genf den globalen Rohstoff-Handel auf

Sojabohnen-Ernte in Brasilien: Sorgen Handelsunternehmen bald für Chinas Lebensmittel-Sicherheit? Keystone / Andre Penner

Chinas führender Agrarkonzern plant, einige seiner Aktivitäten mit seiner internationalen Handelsabteilung mit Sitz in Genf zusammenzulegen. Das sorgt für Aufregung in einem Sektor, der lange Zeit von vier westlichen Konzernen dominiert wurde. 

Dieser Inhalt wurde am 05. Mai 2021 - 15:00 publiziert
Paula Dupraz-Dobias, swissinfo.ch

Seit seiner Gründung im Jahr 2014 sorgt Chinas COFCO International (CIL) für Unruhe im Agrar-Rohstoff-Handel. Zum einen ist der Händler mehrheitlich im Besitz der staatlichen COFCO Corp. Zweitens zeigt China weiterreichende Ambitionen bei der Beschaffung von Rohstoffen. Rohstoff-Händler fragen sich seither, wie das Unternehmen direkten Zugang zu den weltweiten Lebensmittelvorräten erhalten würde.  

Den ABCDs der Branche - Archer Daniel Midlands, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus - die bis zu 90% des globalen Getreidehandels kontrollieren, dämmerte bald, was das bedeutet.

CILs erster Vorstoss in den Markt war die Übernahme der Händler Nidera und Noble für vier Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Franken) durch die Muttergesellschaft COFCO Corp.

Sieben Jahre später plant die COFCO Corp nun Berichten zufolge, einige ihrer inländischen Handels- und Verarbeitungseinheiten mit der in Genf ansässigen Handelsabteilung zu fusionieren. Der Zusammenschluss erfolgt im Vorfeld eines erwarteten 5-Milliarden-Dollar-Börsengangs in Shanghai später in diesem oder im nächsten Jahr, wie Bloomberg berichtet.

Globale Ambitionen  

Im vergangenen Jahrzehnt sorgte Chinas wachsende Mittelschicht für eine explodierende Nachfrage nach Rohstoffen. Immer mehr der 1,4 Milliarden Menschen des Landes kaufen nicht nur immer mehr Autos und andere Konsumgüter, sondern ihre veränderte Ernährung hin zu mehr Fleisch und Milchprodukten verlangt auch mehr Soja, Milch und Getreide. Im Jahr 2019 stieg Chinas Rindfleischkonsum um 11%, während die Importe im selben Jahr um 60% zunahmen.

In China ist zwar nur 10% der globalen Ackerfläche zu finden, aber beinahe ein Fünftel der Weltbevölkerung. Deshalb ist die Gewährleistung der Ernährungssicherheit zu einer der wichtigsten politischen Prioritäten Pekings geworden. Globale Preisschwankungen sowie klimatische Belastungen veranlassten das Land, neue Lösungen zu finden.

Chinas geostrategische "Belt and Road"-Initiative wurde unter anderem ins Leben gerufen, um ein Transportnetz für den Warentransport nach und von China zu schaffen.

Die Gründung von CIL ist Teil der nationalen Strategie Chinas, sowohl seine Unternehmen zu internationalisieren als auch seine Lebensmittelversorgung zu sichern. Der frühere CEO von CIL, Chi Jingtoa, sagte, der Rohstoffhändler habe das Ziel, "ein echtes globales Agribusiness zu werden."

Wie die chinesische Staatsfirma COFCO Geschäfte macht. swissinfo.ch

Die Übernahmen von Nidera und Noble durch die COFCO Corp. waren ein Meilenstein, um dieses Ziel zu erreichen. Sie verschafften der chinesischen Firma Zugang zu südamerikanischem Getreide – einschliesslich Sojabohnen und Mais, die als Tierfutter verwendet werden – und zu Verarbeitungsanlagen in Asien. Der direkte Bezug bei den Landwirtinnen und Landwirten ermöglicht, die traditionellen Lieferketten zu unterbrechen, in denen Handelsunternehmen als Vermittler zwischen Erzeugern und Verbrauchern agieren.

CIL sagte, das Unternehmen habe im Jahr 2018 mit 106 Millionen Tonnen Rohstoffen gehandelt und strebe an, die Menge der Ernten, die es direkt von Landwirten ausserhalb Chinas kaufe, bis 2022 auf über 60 Millionen Tonnen zu erhöhen – verglichen mit 40 Millionen Tonnen vor drei Jahren.

2018 wurde der chinesische Handels-Newcomer zum führenden Exporteur von Soja aus Brasilien und überholte Cargill, ADM und Louis Dreyfus. Eine Situation, die die Produktion in die Höhe getrieben hat. 

Die Expansion sorgte für Kritik. Die wachsende Nachfrage nach Soja führte zu einer zunehmenden Abholzung in Brasilien und Paraguay – woher CIL ebenfalls Soja bezieht – was Fragen zur Rückverfolgbarkeit der Produktion aufwirft.

Die Nachricht über eine engere Verbindung mit COFCO hat Fragen über die Rolle aufgeworfen, die CIL in Zukunft spielen wird. Aufgrund seiner Verbindung mit dem staatlichen Riesen COFCO profitiert CIL bereits vom Zugang zu staatlich geförderten, günstigen Krediten, um Akquisitionen im Ausland zu tätigen.

"Es gab eine grosse Debatte innerhalb der COFCO International, ob sie mit den grossen Vier konkurrieren oder ein Beschaffungsinstrument für China werden würde. Es ist schwer zu sagen, wie die endgültige Entscheidung ausfallen wird", sagte Ivo Sarjanovic, Dozent am Rohstoffhandelsprogramm der Universität Genf. "Ich denke, die jüngsten Schritte von COFCO gehen eher in die Richtung, ein Beschaffungsinstrument für China zu werden als ein Konkurrent für die anderen grossen Unternehmen."

Einige befürchten, dass die künftige Fusion grosse Konkurrenten vom Verkauf in China ausschliessen könnte, da die Muttergesellschaft direkten Zugang zu Lebensmittelproduzenten und Verbrauchern im Land hat.

Wachstumsschmerzen  

Dennoch ist Cofco (noch) nicht in der Lage, seinen Konkurrenten den Spitzenplatz streitig zu machen. Eine aggressive Fusions- und Akquisitionsstrategie scheint in dieser Hinsicht nicht zu genügen. Der Börsengang würde COFCO näher an Louis Dreyfus und Singapurs Olam platzieren als an Cargill, Bunge und ADM.

Im Jahr 2019 erzielte COFCO International einen Umsatz von 31 Mrd. $ bei einem Volumen von 114 Mio. Tonnen Agrarrohstoffen. Zum Vergleich: Cargill erwirtschaftete 114 Mrd. $ und Louis Dreyfus 36 Mrd. $.

Ursprünglich hatte COFCO Ambitionen, den Markt bis 2020 anzuführen - ein Ziel, welches das Unternehmen verpasst hat.

Die in Genf ansässige CIL musste lernen, sich in die Branche zu integrieren. Zum Zeitpunkt des Kaufs berichteten die Medien, dass Nidera ein 150-Millionen-Dollar-Loch in seinen Büchern hatte, das sich auf seine brasilianischen Betriebe bezog. Brasilianische Staatsanwälte behaupteten, im Betrieb herrschten sklavenähnliche Bedingungen.

Auch an seinem Schweizer Standort veränderte sich die Zusammensetzung der Belegschaft im Laufe der Entwicklung von CIL.

Sarjanovic, ein ehemaliger Cargill-Händler, sagte, dass sich nach der Übernahme der beiden Handelsunternehmen durch COFCO der Managementstil von westlich zu chinesisch verschob. Die kulturelle Zusammensetzung sei "eine echte Herausforderung" gewesen, sagte er. CIL musste die Managementstile von Nidera, Noble und ADM mit denen des neuen Unternehmens kombinieren, das versuchte, die Ansätze zu "homogenisieren".

Ein ehemaliger nordamerikanischer Mitarbeiter von CIL, der anonym bleiben will, bestätigt diese Trends gegenüber SWI swissinfo.ch und spricht von einem Kulturkampf, seit das neue Management in Genf die Kontrolle übernahm.

CIL sagte zum Zeitpunkt der Übernahme der beiden Handelsfirmen: "Es wurde ein lokales Management aus dem Schweizer Markt angeheuert". In der Genfer Zentrale arbeiten derzeit rund 200 Angestellte.

CIL reagierte nicht auf Anfragen von swissinfo.ch, die Berichte über die Fusion und die Beauftragung von Banken als Berater für den Umzug zu kommentieren.

Absicherung gegen öffentlichen Druck

Während die COFCO ihre Pläne konsolidiert, sehen einige ihre "field to fork"-Strategie (die auch von anderen grossen Händlern umgesetzt wird) auch als Reaktion auf den wachsenden öffentlichen Druck für mehr Verantwortlichkeit.

Zu den Plänen des chinesischen Unternehmens befragt, kommentiert Florence Schurch, Generalsekretärin der Swiss Trading and Shipping Association (STSA), dass ein Trend zur Kontrolle der gesamten Lieferkette aufgrund des verstärkten öffentlichen Bewusstsein stattfindet.

Dieser Wunsch äusserte sich jüngst in einer Schweizer Volksabstimmung, die forderte, multinationale Unternehmen für ihre Lieferketten zur Verantwortung zu ziehen. Die als Konzernverantwortungs-Initiative bekannte Vorlage scheiterte am Ständemehr.

"Es ist normal, dass Händler versuchen, die gesamte Lieferkette zu kontrollieren, weil zivilgesellschaftliche Gruppen erwarten, dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Sie können nicht Rechenschaft ablegen, wenn sie es nicht kontrollieren können", sagt sie.

Angesichts der zunehmenden Kritik sagte CIL, sie plane, bis 2023 eine vollständige Rückverfolgbarkeit zu erreichen.

ADM, Bunge und Louis Dreyfus Commodities reagierten nicht auf Anfragen, diesen Artikel zu kommentieren. Cargill wollte sich nicht zu Fragen äussern, die die Entscheidungen anderer Unternehmen betreffen.

Kommentare unter diesem Artikel wurden deaktiviert. Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch.

Diesen Artikel teilen

Diskutieren Sie mit!

Mit einem SWI-Account erhalten Sie die Möglichkeit, Kommentare auf unserer Webseite sowie in der SWI plus App zu erfassen.

Login oder registrieren Sie sich hier.