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Berufsmaturitäten stagnieren

Studierende an der Fachhochschule Ostschweiz im September dieses Jahres (vor der Umstellung auf Fernunterricht). Keystone / Gian Ehrenzeller


Die Berufsmatura ermöglicht ein Studium nach dem Abschluss der Lehre und ist ein Markenzeichen des Schweizer Berufsbildungssystems. Aber die Zahl der Jugendlichen, die diesen Weg einschlagen, stagniert. Weshalb?

Dieser Inhalt wurde am 05. Januar 2021 - 08:30 publiziert

Früher hat man in der Schweiz entweder eine Lehre gemacht oder studiert. Seit den 1990er-Jahren gibt es aber die Berufsmatura. Diese ermöglicht es den Lehrlingen, später an einer Fachhochschule zu studieren. Diese Bachelor- und Masterabschlüsse sind auf Praxis und Industrie ausgerichtet.

Experten und internationale StudienExterner Link rühmen die Durchlässigkeit des schweizerischen Berufsbildungssystems. Sie sei einer der Gründe für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz sowie ein Schlüssel zu Wettbewerbsfähigkeit und Innovation.

Die meisten Länder mit einer breit ausgebauten Berufsbildung bieten in der einen oder anderen Form Zugang zu Hochschulbildung an. "Die Schweizerische Berufsmaturität zeichnet sich dadurch aus, dass sie kein kleiner und aussergewöhnlicher Weg ist, sondern eine breite Brücke: Zwei Drittel aller Schweizer Jugendlichen absolvieren eine Lehre, und rund ein Viertel von ihnen erwirbt auch die Berufsmaturität", sagt Jürg SchweriExterner Link, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für BerufsbildungExterner Link (EHB).

Ein Elektriker kann problemlos ein Elektrotechnik-Studium an einer Fachhochschule aufnehmen. Für den Besuch einer Universität ist eine Zusatzprüfung erforderlich.

Laut Schweri soll dieser flexible Ansatz qualifizierte Arbeitskräfte für die moderne Wirtschaft sichern.

Die Betonung der Berufsausbildung bedeutet, dass in der Schweiz nur rund 25% der Jugendlichen eine Universität besuchen. Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern wie Australien und den USA ist das ein geringer Anteil.

Kein Wachstum

Eine Studie der EHB hat kürzlich ergeben, dass die Abschlüsse der Berufsmaturität stagnieren. In den letzten acht Jahren hatte sie um 7% zugenommen.

Rund 13% der Lehrlinge absolvieren die Ausbildung während ihrer Berufsausbildung und rund 10% entscheiden sich danach für ein einjähriges Studium. Letztere Option wird immer beliebter und ist hauptsächlich für den Anstieg von 7% verantwortlich.

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Das Modell, parallel zur Lehre die Berufsmaturität zu absolvieren, ist auf dem Rückzug. Grund dafür ist, dass es für die Lehrlinge schwierig ist, Ausbildung und Schule unter einen Hut zu bringen.

"Das Pensum für Lehrlinge ist happig", sagt Schweri.

Im dualen Bildungssystem der Schweiz kombinieren die Jugendlichen während ihrer Lehrzeit die Ausbildung am Arbeitsplatz mit dem Unterricht an der Berufsschule. Hinzu kommt der Berufsmaturitätsunterricht, was bedeutet, dass ein Lehrling sehr motiviert und gut organisiert sein muss.

Ausserdem mögen es manche Firmen nicht, wenn ihre Lehrlinge zu oft fehlen, weil sie die Schulbank drücken.

Laut Schweri kommt dazu, dass viele Eltern – die ihre Kinder im Alter von erst 14 oder 15 Jahren bei der Berufswahl entscheidend beeinflussen – von den Möglichkeiten einer Berufsmatur nichts wissen.

Ausdauer gefragt

Eine junge Dentalassistentin, die sich für die Berufsmaturität entschieden hat, sagte kürzlich an einer Online-Konferenz des EHB: "Es ist wichtig, sein Berufsziel im Auge zu behalten und bei der Erlangung des Abschlusses ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit zu finden."

"Junge Menschen wollen gefordert werden", sagt Oskar Egli, Leiter der Berufsausbildung bei HunkelerExterner Link, einem Papierverarbeitungsbetrieb, in dem alle polytechnischen Lehrlinge parallel zu ihrer Ausbildung die Berufsmaturität absolvieren. "Sonst würden diese jungen Leute einfach das Gymnasium besuchen [die Schulen, die zur regulären Universität führen]", sagte er an der Konferenz.

Die Berufsmaturität wird vor allem von Lehrlingen bestimmter – akademisch anspruchsvoller – Berufe erworben. Drei Viertel der Berufsmaturitätsschüler sind in acht Berufen tätig, wobei die beliebtesten Elektroniker, Laboranten und Konstrukteure sind.

Die Erfolgsquote unterscheidet sich je nach Modell der Berufsmaturität: Bei jener, die parallel zur Lehre absolviert wird, bestehen etwa zwei Drittel. Wer nach der Lehre die Berufsmaturität nachholt, kann mit einer Erfolgsquote von vier Fünfteln rechnen.

Von denen, welche die Berufsmaturität bestehen, gehen zwei Drittel auf eine weiterführende Schule. Laut Studie entscheiden sich die meisten für eine Fachhochschule. Ein Drittel wechselte den Beruf ganz.

Braucht es die Berufsmaturität?

Bietet das Schweizer Berufsbildungssystem den jungen Leuten auch ohne Berufsmaturität genügend Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt? Es gibt Hochschulprogramme für Lehrlinge, die ohne Berufsmaturität auskommen, wie beispielsweise die eidgenössischen Berufsprüfungen und die höheren FachprüfungenExterner Link. Diese richten sich an Berufsleute mit mehrjährigen Berufserfahrungen, die ihre Kenntnisse vertiefen oder sich auf eine Führungsfunktion vorbereiten möchten.

Laut Schweri sind diese wahrscheinlich mit ein Grund für die Stagnation der Berufsmaturität.

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Was aber nicht heisst, dass es keine Berechtigung für die Berufsmaturität gibt. Ein Lehrling des Betriebs Hunkeler sagte an der Online-Konferenz, seine Lehre habe ihm "Erfahrung im Betrieb" verschafft, aber die Berufsmaturität gebe ihm die Möglichkeit, später an einer Fachhochschule zu studieren, was der Praxis mehr Theorie hinzufüge.

"Die Berufsmaturität wird noch wichtiger werden, wenn die Wirtschaft weiterhin immer mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte nachfragt", sagt Schweri.

In der Schweiz wird darüber diskutiert, ob mehr Jugendliche das Gymnasium besuchen und studieren sollten. Bisher hält die Schweiz aber an ihrem Ansatz "Berufsausbildung first" fest.

Laut Schweri bedeutet das, dass der Pool der Studierenden der verschiedenen Hochschultypen vor allem über den Berufsmaturitäts-Pfad vergrössert werden müsse.

Die Berufsmaturität könne mit verschiedenen Massnahmen gestärkt werden. Beispielsweise durch eine bessere Aufteilung der Arbeit während und nach der Lehre. "Wir sollten uns auch auf pädagogische Fragen und die Unterstützung der Lernenden konzentrieren, da es eine bedeutende Gruppe von Lehrlingen gibt, die den Unterricht für die Berufsmaturität beginnen und dann abbrechen", so Schweri.

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