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"Eine Stadt musst Du mit Liebe stabilisieren“

Das freiwerdende Werksgelände des Energieversorgers EnBW im Stuttgarter Osten bietet vielfältiges Potenzial für ein neues integriertes Quartier. Enbw

Wie verwandelt man autozentrierte Grossstädte in lebenswerte urbane Zentren? Der Zürcher Architekt Andreas Hofer versucht dies als Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 in der Stadtregion Stuttgart.

Dieser Inhalt wurde am 09. Juni 2021 - 15:00 publiziert

“Erst kamen die Bomben des Zweiten Weltkriegs, dann die Strassenplanungen in den sechziger Jahren.“ Andreas Hofer ist nicht sicher, was mehr Schaden angerichtet hat. Stuttgarts Innenstadt ist durch sechsspurige Strassentrassen brutal zerteilt, alles auf das Auto zugeschnitten. Im Umland fressen sich Eigenheimsiedlungen in die Landschaft.

Im Zentrum ist Wohnraum hingegen knapp und teuer. So stellt es sich nicht nur in Stuttgart, der Geburtsstadt des Automobils, sondern in vielen anderen Städten Europas dar. Ein Naturgesetz ist dies nicht.

Dem Leiter der Internationalen BauausstellungExterner Link (IBA) schwebt für Stuttgart vor, was seine Heimatstadt Zürich bereits vor 20 Jahren in Angriff nahm: eine Wiedergeburt der Innenstadt, die sogenannte “Urbane Renaissance“.  Zehn Jahre haben der Schweizer und sein 20-köpfiges Team in Schwaben Zeit, um Pflöcke einzuschlagen. Die IBA soll Impulse setzen, Ideen sammeln, vernetzen, Projekte voranbringen und die Region Stuttgart in eine neue Phase tragen. 2027 zum hundertjährigen Jubiläum der Weissendorfsiedlung werden die Ergebnisse präsentiert.

Die innerhalb einer Bauzeit von lediglich 21 Wochen entstandene Weissenhofsiedlung mit 21 Häusern und insgesamt 63 Wohnungen sind keine natürlich gewachsene Siedlung, sondern Resultat der vom Deutschen Werkbund 1927 initiierten Ausstellung "Die Wohnung". Süddeutsche Zeitung / Scherl

Veränderung durch einzelne Projekte

Hofer glaubt nicht an die Macht eines Masterplans für die Stadt von Morgen. Für ihn geht Veränderung von einzelnen Architekturprojekten aus, von innovativen Lebensräumen, die dann ihre Wirkung in einem Radius entfalten. Eines ist das Züblin-Parkhaus aus den frühen 60er Jahren am Rande der Stuttgarter Innenstadt. Auf den ersten Blick ist es eine graue Betonsünde in direkter Nachbarschaft der alten Leonhardskirche. Nicht für Andreas Hofer: “Ich finde es toll.“  Wo andere Hässlichkeit sehen, faszinieren ihn die Brüche des Gebäudes zur Umgebung, das Spannungsfeld, das hier inmitten der eher kleingliedrigen Wohnbebauung entstanden ist. Daraus lässt sich etwas machen.

Urban Gardening, Mode-Tauschbörse, Ausstellungsraum: Das Züblin-Parkhaus ist nicht nur für Autos da. Imago Images / lichtgut

Auf dem obersten Parkdeck gibt es bereits seit 2013 ein Urban Gardening Projekt, im Erdgeschoss ein Kreativ-Café. Die übrigen Etagen dienen weiterhin als Parkraum. Hofer könnte sich vorstellen, das gesamte Parkhaus in ein Wohnhaus mit öffentlichen und gemeinschaftlichen Nutzungen umzugestalten und seine Grundstruktur zu erhalten. Symbolischer kann die Abkehr von der Autostadt kaum aussehen.

Architekten brauchen nicht nur Visionen, sondern auch ein dickes Fell. Wenn eine Stadt sich neu zusammenfügt, darf man den Konflikt nicht scheuen, sagt Hofer und verweist auf seine Erfahrung aus Zürich. Dort war er am Umbau des Hunziker-Areals von einer Industriebrache in ein Wohn- und Arbeitsquartier beteiligt. Am Anfang hagelte es Kritik an der dichten Bebauung in grossen, massiven Blöcken. “Ein Massstabssprung zu den angrenzenden Gartenstadtzeilen“, räumt er ein. Doch dann hätten die Leute die Qualität des neuen Gefüges gesehen und sie schätzen gelernt.

Im Hunziker Areal in Zürich entstand das erste Projekt der Baugenossenschaft "Mehr als Wohnen", das alles bietet, was es zum Wohnen, Leben und Arbeiten braucht. Ursula Meisser

Verdichten, wo immer es geht

Wie in diesem Zürcher Projekt lautet auch in der Region Stuttgart sein Motto: Verdichten, wo immer es geht, um den vorhandenen knappen Raum maximal und kreativ ausnutzen: In Parkhäusern, auf Gewerbehallen oder Fabrikgeländen. Im Stuttgarter Osten geht ein IBA-Projekt den Umbau eines freiwerdenden Geländes des Energieversorgers EnBW an. Hier sollen auf einem vier Hektar grossen Grundstück rund 800 neue Wohnungen entstehen: im Innern autofrei, für alle Gesellschaftsschichten und sozial durchmischt.

Beispiele für solche erfolgreichen Umwandlungen gibt es weltweit: Hofer hat besonders ein Pariser Projekt beeindruckt: In der französischen Hauptstadt wurde ein über 600 Meter langes Lagerhaus aus den siebziger Jahren in einen kreativen und gigantischen Komplex mit 1125 Wohnungen – davon die Hälfte Sozialwohnungen -, Büros und Geschäften verwandelt. 15 Architekten schufen ein grandioses, dichtes neues Wohnquartier.

Die Wohnüberbauung Entrepôt Macdonald im Nordosten von Paris. Entrepôt Macdonald

Ungenutzte Gewerbe- und Industrieflächen bieten wie hier enormes Potential, um mit neuen Wohnformen zu experimentieren. Man dürfe dabei keine Angst vor Grösse haben, sagt der Zürcher. In ihr liege die Zukunft, nicht im Eigenheim im Grünen. Weg von der Separierung und dem Rückzug ins Private, hin zu Vernetzung und Gemeinschaft, auch um Ressourcen zu schonen. In einer Neubausiedlung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Stuttgart Zuffenhausen wird dieser Umbruch bald erprobt, unter anderen mit Räumen zum gemeinsamen Gärtnern oder Kochen.

Genossenschaftliche Lösungen

Andreas Hofer Iba’27 / Sven Weber

Doch wie wird die Stadt der Zukunft für alle erschwinglich? “Nur durch eine über Jahrzehnte kontinuierlich betriebene soziale Wohnungspolitik“, sagt Hofer. Man dürfe den urbanen Wohnraum nicht den Kräften des freien Kapitalmarktes überlassen. “Dann wird sie zur Gated Community oder zerfällt.“ Doch eben das ist vielerorts bereits geschehen: In Deutschland kauften internationale Konzerne den klammen deutschen Kommunen in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihren Wohnungsbestand ab und trieben die Mieten in die Höhe. Nun versuchen Städte und Staat, durch Mietendeckel oder Subventionen die selbst verschuldete Misere abzumildern.

Absurd findet Andreas Hofer das. Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter der genossenschaftlichen Idee. In Zürich funktioniert sie. Dort leitete ein Gesetz aus dem Jahre 1907 den Bau gemeinnütziger Wohnungen ein. Mittlerweile sind mehr als ein Viertel der Wohnungen in genossenschaftlicher und kommunaler Hand und die Bevölkerung hat vor einigen Jahren in einer Volksabstimmung beschlossen, diesen Anteil auf ein Drittel zu erhöhen. Das Rezept habe funktioniert: “Eine Stadt musst Du mit Liebe stabilisieren“, sagt er.

Vielleicht gelingt ihm dies ein Stück weit ja auch in Stuttgart: Der Wille ist da, die finanziellen Mittel auch: "Wir haben die Instrumente, um den Wandel zu gestalten. “Wie dieser sich im Detail der Projekte vollzieht, dabei haben die Bürgerinnen und Bürger ein gewichtiges Wort mitzureden. Die IBA experimentiert mit neuen Formen der Bürgerbeteiligung, auch gleich neben dem Züblin-Parkhaus gibt es ein Ladenlokal als Anlaufstelle für die Partizipation. 160 Abendtermine nahm der IBA-Leiter in seinem ersten Jahr vor Corona in der Region wahr, um mit Verantwortlichen aus den Kommunen, mit Bürgerinnen und Bürgern die IBA Projekte zu entwickeln. Es sei etwas in Gang gekommen, das spüre er. Die Menschen engagieren sich für die Neugestaltung ihres Lebensraums und ihrer Quartiere. “Es gibt Gestaltungslust und Zukunftsfreude. Das kann uns niemand mehr nehmen.“

Internationale Bauausstellungen (IBA)

IBA sind ein deutsches Instrument des Städtebaus, die für einen begrenzten Zeitraum mit internationaler Beteiligung neue Impulse setzen. Die erste IBA fand 1901 in Darmstadt statt. Im Rahmen der IBA sind in Vergangenheit weltweit beachtete Projekte entstanden, wie 1927 die Weissenhofsiedlung in Stuttgart und 1957 und das Berliner HansaviertelExterner Link. Im Zentrum der ersten IBAs standen eher architektonische Projekte. Heute umfassen sie auch soziale, wirtschaftliche und ökologische Fragen. So hat sich die IBA’27Externer Link in der Region Stuttgart die Neuerfindung einer Stadtregion auf die Fahnen geschrieben.

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