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Ehe für alle: "Die Kirchen haben sich offener gezeigt als die Politik"

Die evangelische Kirche in der Schweiz segnet bereits Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren, aber zivilrechtlich dürfen Homosexuelle noch nicht heiraten. © Keystone/Gaetan Bally

Seit vier Jahrzehnten fordern Vereine, die sich in der Schweiz für Homosexuelle einsetzen, das Recht auf Ehe. Auch wenn ihre Forderungen mit ultrakonservativen christlichen Kreisen in Konflikt kommen: Die Kirchen selbst waren einst offener als die Politik, sagt der Historiker Thierry Delessert.

Dieser Inhalt wurde am 07. September 2021 - 12:15 publiziert

Für Schweizer Homosexuellengruppen wäre ein Ja zur "Ehe für alle" am 26. September der Höhepunkt eines langen Kampfes. Die Anfänge ihrer Forderungen gehen auf die 1960er und 1970er Jahre zurück, erklärt Thierry Delessert, Historiker und Forscher an der Universität Lausanne, in seinem Buch "Sortons du ghetto". Damals wandten sich homosexuelle Aktivist:innen an die Kirchen, um den Segen zu erhalten und so die Tür zu den Bürgerrechten zu öffnen.

Thierry Delessert ist Forscher an der Universität Lausanne und Spezialist für die Geschichte der Homosexualität in der Schweiz. ldd

Die Schweiz ist eines der letzten vier Länder in Westeuropa, die Homosexuellen nicht das Recht auf Eheschliessung gewähren. Die Untersuchungen von Delessert zeigen jedoch auch, dass die Gesellschaft bei der Akzeptanz von Homosexualität nicht auf die Entwicklung der Gesetzgebung gewartet hat.

swissinfo.ch: Die Schweiz wird oft als Pionierin betrachtet, da sie 1942 die Homosexualität entkriminalisiert hat. Ist das richtig?

Thierry Delessert: Damals wurden homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen beiderlei Geschlechts tatsächlich entkriminalisiert. In Wirklichkeit hatte die Polizei jedoch ein wachsames Auge auf die Dinge: Es gab Razzien in Schwulenkreisen, Homosexuelle wurden überwacht und registriert. Trotz dieser teilweisen Entkriminalisierung unterschied sich die Schweiz während des Kalten Krieges nicht von anderen Ländern. Homosexuelle waren ihr äusserst suspekt, da es sich um eine dubiose Gruppe von Menschen handelte, die sich versteckten, die sich schämten, die der Gesellschaft schadeten und die möglicherweise sogar Spionage für ausländische Mächte betrieben.

Der Homosexuelle wurde zudem als Verräter an der Truppe gebrandmarkt, da Homosexualität in den Streitkräften verboten war. Die vermeintlich fortschrittliche Schweiz, die 1942 das Strafgesetzbuch ausgearbeitet hatte, kapselte sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ab.

Was waren die Risiken für Schwule und Lesben zur Zeit des Strafgesetzbuches von 1942?

Das Strafgesetzbuch legte das Alter der sexuellen Volljährigkeit für Homosexuelle auf 20 Jahre fest, während es für Heterosexuelle bei 16 Jahren lag. Sexuelle Beziehungen zwischen Personen desselben Geschlechts, an denen eine Person unter 20 Jahren beteiligt war, waren daher verboten und wurden ebenso wie homosexuelle Prostitution bestraft.

Darüber hinaus führte die Polizei äusserst umfangreiche Ermittlungen durch. Die Personen wurden gezwungen, den Namen ihres Sexualpartners zu nennen, der dann befragt wurde. Diejenigen, die zwischen Erwachsenen gehandelt hatten, wurden nicht vor Gericht gestellt, aber ihre Namen wurden in das Homosexuellenregister eingetragen.

Bei all dem spielten lesbische Frauen jedoch kaum eine Rolle. Sie wurden von einer verhassten und in die Unsichtbarkeit gedrängten Gruppe später zu einem der legitimen und anerkannten Gesprächspartner von Bundesbern.

Wurden sie im Gegenzug nicht unsichtbar gemacht?

Ja, sie wurden unsichtbar gemacht, lächerlich gemacht, vor allem von der Polizei. Sie wurden als ein Nicht-Phänomen betrachtet. Lesben waren somit einer doppelten Invisibilisierung ausgesetzt: als Frauen und als Lesben.

Wann wurde die Homosexualität in der Schweiz vollständig entkriminalisiert?

Mit der Volksabstimmung von 1992 wurde die Homosexualität sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich entkriminalisiert. In den 1970er Jahren erkannte eine Expertenkommission unter dem Vorsitz des Berner Strafrechtsprofessors Hans Schultz an, dass Homosexualität eine natürliche Orientierung ist – wie die Heterosexualität – und nicht bekämpft werden kann.

Theologen, Psychiater, Juristen und Betroffene waren sich einig. Sie hielten es für absurd, für Homosexuelle ein anderes Alter der sexuellen Volljährigkeit festzulegen oder die homosexuelle Prostitution zu verbieten, während sie für Heterosexuelle erlaubt war. Die Entkriminalisierung erfolgte nach dieser Logik.

Hat sich die Religion also schneller entwickelt als das Recht?

Ja, das ist die grösste Überraschung bei meinen Recherchen. Die ersten Forderungen nach der gleichgeschlechtlichen Ehe wurden in den 1960er und 1970er Jahren an die Kirchen gerichtet. Trotz der Ablehnung ebneten die Kirchen den Weg für Diskussionen über die Normalität der Homosexualität, für die Idee einer möglichen Segnung. Die Synode 72 der schweizerischen katholischen Kirche ging in ihren Überlegungen sehr weit, auch wenn ihre Beschlüsse später vom Vatikan aufgehoben wurden.

Die Kirchen haben sich offener gezeigt als die Politik, offener als die Polizei, die sehr stark in einer Logik des Verbots verhaftet ist. Dies ist auch heute noch der Fall: die Ehe für alle ist nicht in Kraft, obwohl einige Kirchen bereits homosexuelle Paare segnen.

In den 1990er-Jahren löste die Aussicht auf die Ehe für Homosexuelle immer noch Reaktionen aus, die mitunter gewalttätig waren, wie die Archive von Radio Télévision Suisse (RTS) zeigen. Kann man sagen, dass sich die Mentalitäten seither rasch verändert haben?

Die Mentalität hat sich vor allem in den grossen städtischen Zentren sehr schnell entwickelt. Heute stellen zwei Mütter, die ihr Kind in die Kinderkrippe bringen, kein Problem dar. Auch das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen hat eine wichtige Rolle gespielt. Nach der Einführung der eingetragenen Partnerschaft im Jahr 2005 wurden schnell positive Berichte über gleichgeschlechtliche Familien verbreitet. In der Zivilgesellschaft geht es im Allgemeinen schneller als auf der legislativen Ebene.

Welche Rolle haben die homosexuellen Kollektive bei dieser Entwicklung gespielt?

Sie spielten eine grundlegende Rolle. Bereits 1972 setzten sie sich mit dem Präsidenten der Expertenkommission in Verbindung, um sich für die vollständige Entkriminalisierung der Homosexualität einzusetzen. Zum ersten Mal wurden sie gehört und konnten ihre sozialen Probleme beschreiben und ihre Vorstellungen von der Natürlichkeit der Homosexualität darlegen. Sie wurden von einer Gruppe, die gemieden und in die Unsichtbarkeit gedrängt wurde, zu einem von der Bundesregierung anerkannten legitimen Gesprächspartner.

Die Eidgenössische Demokratische Union (EDU) lässt das Schweizer Volk über die Ehe für alle abstimmen. Ihre Recherchen zeigen, dass diese Partei eine lange Tradition von Volksabstimmungen gegen LGBTIQ-Rechte hat.

Ja, sie ist systematisch. Die EDU stand bereits hinter dem Referendum gegen die Entkriminalisierung der Homosexualität im Jahr 1992. Die Vertreter:innen dieser Partei argumentierten, dass die Jugend ausser Kontrolle geraten würde, dass es zu sexuellen Orgien kommen würde. Die EDU lancierte ein Referendum gegen das Gesetz über die eingetragene Partnerschaft. In Zürich lancierte sie sogar eine Initiative zum Verbot der Ehe für alle.

Das Referendum gegen das Anti-Homophobie-Gesetz wurde im Namen der Meinungsfreiheit lanciert – anders gesagt der Freiheit, weiterhin beleidigen zu dürfen. Dies zeigt, dass es ihnen nicht wirklich um das Wohl des Kindes geht, sondern um die Infragestellung der Homosexualität. Wir sollten nicht vergessen, dass die EDU evangelikalen Kirchen nahesteht, die Bekehrungstherapien anbieten.

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